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Einigung beim Streik der spanischen Fußball-Weltmeisterinnen

20. September 2023

Der Streit zwischen den Spielerinnen von Fußball-Weltmeister Spanien und dem Verband RFEF ist zum Start der Nations League beigelegt. Veränderungen wurden vereinbart, die in naher Zukunft umgesetzt werden sollen.

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Rückenansicht Jennifer Hermoso, die nach dem WM-Finale ihre Medaille richtet
Weltmeisterin Jennifer Hermoso und ihr Team haben sich für Veränderungen im spanischen Fußballverband eingesetztBild: Sajad Imanian/DeFodi Images/picture alliance

Kurz vor den Länderspielen in der UEFA Nations League gegen Schweden an diesem Freitag (3:2) und die Schweiz am 26. September stand Weltmeister Spanien einige Tage lang ohne Mannschaft da. 21 Weltmeisterinnen und 18 weitere Top-Spielerinnen befanden sich im Streik. Dazu gehörten neben Jennifer Hermoso, die bei der Siegerehrung nach dem WM-Finale unfreiwillig Opfer eines Kusses auf den Mund durch Spaniens Ex-Verbandspräsidenten Luis Rubiales geworden war, auch die aktuelle Fußballerin des Jahres, Aitana Bonmati, die Ex-Weltfußballerin Alexia Putellas und WM-Final-Torschützin Olga Carmona.

Die neue Nationaltrainerin Montse Tomé hatte dennoch 15 Weltmeisterinnen für die Nations-League-Spiele nominiert. Tomé versicherte, sie habe vorher mit allen nominierten Fußballerinnen gesprochen und keine habe die Teilnahme verweigert. Das sahen die Spielerinnen allerdings anders und teilten daher mit, ihren Länderspiel-Streik fortzusetzen. Lange Verhandlungen folgten, die schließlich zu einer Einigung führten.

Warum haben die Spielerinnen gestreikt?

Zwar ist der umstrittene Verbandspräsident Luis Rubiales nach dem Kuss-Skandal beim Finale der Fußball-WM zurückgetreten und auch Nationaltrainer Jorge Vilda nicht mehr im Amt, jedoch forderten die streikenden Spielerinnen weitere Veränderungen. Sie wollten die Männerdominanz im spanischen Fußballverband RFEF beenden. RFEF-Interimschef Pedro Rocha und andere Funktionäre mit engen Verbindungen zu Ex-Verbandsboss Rubiales sollten abgesetzt werden. "Wir haben über viele Jahrzehnte zu viel Diskriminierung gegenüber dem Frauenteam erlebt", sagte Alexia Putellas nach Abschluss der Verhandlungen bei einer Pressekonferenz vor dem Schweden-Spiel. "Wir mussten kämpfen, damit man uns zuhört."

Irene Paredes und Alexia Putellas bei Pressekonferenz in Göteborg
Müde nach nächtelangen Verhandlungen, aber zufrieden mit dem Ergebnis: Irene Paredes (l.) und Alexia Putellas (r.)Bild: Bjorn Larsson Rosvall//TT NEWS AGENCY/picture alliance

Ihre Mitspielerin Irene Paredes ergänzte: "Alles, was wir wollen, ist, unter würdigen Bedingungen, unter denen wir respektiert werden, Fußball zu spielen. Deshalb versuchen wir, Dinge zu verändern, damit irgendwann die Spielerinnen einfach nur noch spielen müssen."

Welche Veränderungen soll es konkret geben?

Das ist nach wie vor nicht endgültig bekannt. Auch Putellas blieb vor der Presse im Bezug auf die erzielte Einigung im Vagen: "Wir vertrauen darauf, dass die Abkommen, unseren Sport und die Gesellschaft besser machen werden", sagte sie. Für die Zukunft fordere man "Null Toleranz" gegen jede Art von Missbrauch. Eine erste Konsequenz der Verhandlungen zwischen Spielerinnen und Verband war die Entlassung von RFEF-Generalsekretär Andreu Camps, der umgehend von seinen Aufgaben entbunden wurde. Möglicherweise kommt es nach den beiden Nations-League-Spielen zu weiteren personellen Veränderungen - im Verband und im sportlichen Bereich. Sogar über eine Absetzung der gerade erst installierten Nationaltrainerin Montse Tomé wird spekuliert, auch wenn Tomé selbst Medienberichte zurückwies, in denen behauptet wurde, die Spielerinnen hätten sich gegen sie gewandt.

Wie konnte der Konflikt gelöst werden?

Weil beide Lager auf ihrem Standpunkt beharrten und die Kommunikation meist über die Medien oder offene Briefe lief, war die Lage lange verfahren. Zuletzt hatte Hermoso der RFEF auf X "Spaltung" und "Manipulation" vorgeworfen. Der Verband habe den Plan, "uns einzuschüchtern und uns mit rechtlichen Konsequenzen und wirtschaftlichen Sanktionen zu drohen", schrieb sie. Hermoso und ihre Mitspielerinnen drohten dem Verband zudem mit einer Klage, weil die Nominierung nicht, wie in den FIFA-Statuten vorgesehen, mindestens 15 Tage vorher in schriftlicher Form erfolgt sei.

Spaniens Nationaltrainerin Montse Tomé mit Verbandspräsident Pedro Rocha
Gibt es eine Zukunft im spanischen Verband für Nationaltrainerin Tomé (l.) und Interimspräsident Rocha (r.)?Bild: Manu Fernandez/AP Photo/picture alliance

Auch die spanische Regierung in Madrid schaltete sich ein. Der Präsident der obersten spanischen Sportbehörde CSD, Victor Francos, kündigte am späten Montagabend einen Schlichtungsversuch an, warnte die streikenden Fußballerinnen aber zugleich vor rechtlichen Konsequenzen, wobei er betonte, dass die Regierung auf Seiten der Spielerinnen stehe und nicht an deren Bestrafung interessiert sei. "Wir werden den Spielerinnen sagen, dass wir alles Notwendige tun werden, um das Problem zu lösen, aber wir bitten sie, zu den Spielen zu gehen. Wir wollen, dass sie Olympiasiegerinnen werden", so Francos. 

Nachdem sich das Team im Teamhotel in Madrid eingefunden hatte, kam es zu Gesprächen und Verhandlungen, die bis in die frühen Morgenstunden andauerten. "Wir sind zu einer Reihe von Vereinbarungen gekommen", bestätigte Francos anschließend. Danach waren lediglich zwei der 23 für die Nations League berufenen Profis nicht bereit, für das Nationalteam aufzulaufen. Mapi Leon und Patri Guijarro, die beide bei Champions-League-Sieger FC Barcelona spielen, erklärten, dass sie das Team vor den anstehenden Partien in der Nations League verlassen werden. Beide Spielerinnen hatten bereits auf eine Teilnahme an der WM in Australien und Neuseeland verzichtet. Leon und Guijarro würden nicht bestraft werden, versicherte Francos. 

Was hätte den Spielerinnen bei fortgesetztem Boykott drohen können?

Wenn es hart auf hart gekommen wäre, hätte die Weigerung, für die Nationalmannschaft aufzulaufen, lange Sperren nach sich ziehen können. Das spanische Sportgesetz sieht in einem Boykott trotz Nominierung eine besonders schwere Verfehlung. Der Passus war eingeführt worden, um ein Druckmittel gegen Sportlerinnen und Sportler in der Hand zu haben, die separatistische Bestrebungen ihrer Heimatregion - zum Beispiel in Katalonien oder dem Baskenland - unterstützen, indem sie trotz Nominierung nicht für Spanien auflaufen. Die Strafen sind der politischen Brisanz entsprechend: Es können Geldstrafen zwischen 3000 und 30.000 Euro ausgesprochen werden, außerdem drohen Sperren zwischen zwei und fünf Jahren.

Was steht in der Nations League sportlich auf dem Spiel?

Die Spanierinnen sind zwar Weltmeisterinnen, aber damit noch nicht automatisch für den nächsten sportlichen Höhepunkt qualifiziert, die Olympischen Spiele 2024 in Paris. Für Olympia muss man sich über die Nations League qualifizieren. Das ist alles andere als einfach, da für europäische Teams insgesamt nur drei Plätze zur Verfügung stehen, von denen einer bereits an Gastgeber Frankreich vergeben ist. Spanien muss sich also zunächst in der Gruppe gegen den WM-Dritten Schweden, die Schweiz und Italien durchsetzen und dann im anschließenden Final-Four-Turnier der vier Gruppensieger mindestens das Finale erreichen. Sollte Frankreich ins Nations-League-Endspiel einziehen, würde der dritte Platz reichen, um das Olympia-Ticket zu buchen.

Der Auftakt der Nations League in Schweden gelang: Spanien setzte sich dank eines späten Elfmeters knapp mit 3:2 (1:1) durch. Vor dem Anpfiff posierten beide Teams gemeinsam hinter einem Banner mit dem Slogan #SeAcabo ("Schluss jetzt") und der Aufschrift "Unser Kampf ist der globale Kampf". Für die Gleichstellung von Frauen in Sport und Gesellschaft zeigten auch die schwedischen Fans auf den Tribünen entsprechende Plakate. In Spaniens Startelf standen neun Weltmeisterinnen. Die Spielerinnen zeigten beim Teamfoto Bandagen am Handgelenk, auf denen Botschaften der Unterstützung für Jenni Hermoso zu erkennen waren. Die 33-Jährige war nicht nominiert worden, nach Angaben Tomés zu ihrem "eigenen Schutz".

Der Text wurde am 22. September aktualisiert.