1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Politik

NATO unter Druck

Dennis Stute15. Oktober 2008

Zbigniew Brzezinski ist der Mann hinter der Bewaffung der afghanischen Muschaheddin gegen die Sowjetunion. Im Interview erklärt der ehemalige US-Sicherheitsberater, wie der Westen die sowjetischen Fehler vermeiden kann.

https://p.dw.com/p/FZJR
Zbigniew Brzezinski, Quelle: dpa
Zbigniew BrzezinskiBild: picture-alliance/ dpa

DW-WORLD: In Deutschland unterstützen mit Ausnahme der Linkspartei alle Parteien den Afghanistan-Einsatz, während eine Mehrheit der Bevölkerung den Abzug will. Was sollte der Westen tun – abziehen, den Kurs halten oder mehr Soldaten schicken?

Zbigniew Brzezinski: Ich glaube, dass keine dieser Optionen die Antwort sein kann. Ein Abzug würde bedeuten, dass Afghanistan sofort in eine schwere Krise mit unvorhersehbaren Konsequenzen gerät. Lediglich mehr Soldaten zu schicken, würde die Probleme nicht lösen. Und den Kurs zu halten, wäre offensichtlich unbefriedigend, da immer deutlicher wird, dass sich die Situation verschlimmert.

Als Nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter haben Sie 1979 die Bewaffnung der afghanischen Mudschaheddin gegen Afghanistans linke Regierung organisiert und damit die Sowjetunion in die – wie Sie es später nannten – "afghanische Falle" gelockt. Sitzt jetzt der Westen in der Falle?

Brzezinski prüft am 1980 im pakistanischen Peschawar nahe der afghanischen Grenze ein Gewehr, Quelle: dpa
Brzezinski prüft 1980 im pakistanischen Peschawar nahe der afghanischen Grenze ein GewehrBild: picture-alliance / dpa

Der Westen sollte nicht die Fehler der Sowjetunion wiederholen. Die Sowjets marschierten mit der Illusion in Afghanistan ein, dass ein Haufen marxistischer Intellektueller ihnen dabei helfen könne, einen kommunistischen Satellitenstaat zu schaffen und dass sie mit einer ausländischen Armee ihren Willen würden durchsetzen können. Als die USA auf die Anschläge vom 11. September 2001, deren Ausgangspunkt Afghanistan war, reagierten, brauchten sie nur 300 amerikanische Soldaten, um die Taliban zu stürzen – weil die Afghanen (der Nordallianz, die gegen die Taliban kämpfte) dankbar für die amerikanische Unterstützung waren. Wir laufen nun Gefahr, das Gleiche zu tun, wie die Sowjets: Anstatt das afghanische Wohlwollen zu nutzen und das Land schnell wieder zu verlassen und wirtschaftlich zu unterstützen, versuchen wir, mit einer großen ausländischen Präsenz einen modernen Staat zu schaffen – diesmal eine demokratische Version. Ich glaube nicht, dass das eine sehr weise Strategie ist.

Ist das, was Sie vorschlagen, nicht genau das, was die Sowjetunion getan hat? Vor dem Abzug versuchte die Rote Armee, afghanische Soldaten die Kriegführung übernehmen zu lassen - und scheiterte damit. Warum sollte die NATO, die deutlich weniger afghanische Soldaten an ihrer Seite hat, erfolgreicher sein?

Die Sowjets taten das erst, nachdem sie die afghanische Gesellschaft bereits verwüstet und eine massive Feindseligkeit erzeugt hatten. Man darf die enormen Zerstörungen und das unglaubliche Leiden nicht unterschätzen, dass die Sowjets mit ihrer rücksichtslosen Kriegführung angerichtet haben, die Millionen von Afghanen aus dem Land trieb und hunderttausende tötete. Wir haben das bislang noch nicht getan. Aber die Gefahr besteht, dass, je länger wir auf eine militärische Lösung vertrauen, der Widerstand gegen uns stärker und stärker wird. Noch ist dieser Widerstand nicht vergleichbar mit dem gegen die sowjetische Besatzung.

Wie kann der Westen verhindern, dass es dazu kommt?

Wir können nicht von oben einen modernen Zentralstaat schaffen und eine solche Lösung mit ausländischen Truppen durchsetzen. Das widerspricht dem Stolz der verschiedenen Ethnien und den religiösen Empfindungen in einem Land, das das Eindringen von Ausländern nie geduldet hat. Wir brauchen eine völlig andere Herangehensweise. Einige zusätzliche Truppen sind kurzfristig vielleicht notwendig, aber am Wichtigsten ist die politische Einbindung jener Elemente, die pauschal Taliban genannt werden, die aber tatsächlich eine viel differenziertere Gruppe darstellen.

Die US-Geheimdienste sprechen in einem neuen Bericht von einem "Zusammenbruch der Zentralgewalt" und "ungezügelter Korruption in der Regierung" von Präsident Hamid Karsai. Der britische Botschafter soll jetzt nach einem "akzeptablen Diktator" gerufen haben…

Wie schafft man einen Diktator aus dem Nichts? Das Problem in Afghanistan ist, dass es nicht möglich ist, das Land von Kabul aus effektiv zu regieren und ich sehe nicht, wie wir einen Diktator gleich einem Deus ex machina schaffen können. Ein Diktator muss entweder über eine große gesellschaftliche Anziehungskraft oder gnadenlose Machtinstrumente verfügen – vorzugsweise über beides. Das sehe ich in Afghanistan nicht, solange es sich nicht an einem bestimmten Punkt von selbst entwickelt.

Wie sollte der Westen mit dem Opiumhandel umgehen?

Die Mohnfelder und damit das Einkommen der Bauern zu zerstören würde die Taliban stärken. Die Europäer sollten den Afghanen so viel zahlen, wie nötig ist, damit sie mit dem Anbau aufhören. Der Drogenanbau ist zum einen eine Einkommensquelle der Taliban und zum anderen eine Gefahr für Europa, denn dort geht der Großteil der Drogen hin – insofern versteht es sich von selbst, dass es die Verantwortung der Europäer ist, das Problem zu lösen.

Weil die Taliban den Nachbarstaat Pakistan als Rückzugsraum nutzen, haben die USA dort wiederholt Ziele angegriffen. Besteht die Gefahr, dass dies die Nuklearmacht Pakistan weiter destabilisiert?

US-Angriffe auf pakistanischem Territorium sollte es nur unter außergewöhnlichen Umständen geben: Dann, wenn es wirklich zuverlässige Informationen gibt, dass hohe Al-Kaida-Mitglieder potenzielle Ziele sind und dass die pakistanische Regierung nichts unternimmt. Unter diesen Umständen sind solche Angriffe zu rechtfertigen, da Al-Kaida die Vereinigten Staaten angegriffen hat. Aber Angriffe, die sich dagegen richten, dass Taliban von Pakistan aus operieren, haben nur den Effekt, die Kampfhandlungen auszuweiten – und aus den Problemen, die wir in Afghanistan haben, Probleme zu machen, die von Afghanistan bis Pakistan reichen. Das würde die Herausforderungen, denen wir uns gegenübersehen, enorm verkomplizieren – und vermutlich Pakistan noch weiter destabilisieren.

Zbigniew K. Brzezinski wurde am 28. März 1928 in Warschau als Sohn eines Diplomaten geboren. In den fünfziger Jahren etablierte er sich als einer der führenden westlichen Experten für die Machtpolitik der Sowjetunion. 1960 beriet er John F. Kennedy bei dessen siegreicher Präsidentschaftskandidatur in Fragen der Ostpolitik. US-Präsident Jimmy Carter ernannte ihn bei Regierungsantritt 1977 zum Leiter des Nationalen Sicherheitsrates. Anders als seine Vorgänger erhielt Brzezinski Kabinettsrang. Mit dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan, dem Aufkommen oppositioneller Tendenzen in Polen und der sich verschärfenden Nuklearwaffenpolitik der Supermächte gewann Brzezinskis harte Linie gegenüber dem Ostblock 1979 in der US-Regierung deutlich an Gewicht. Heute forscht Brzezinski am Zentrum für strategische und internationale Studien (CSIS) in Washington und berät den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama.

Das Gespräch führte Dennis Stute