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Machtmensch Putin

Manfred Götzke23. November 2007

Die Russen lieben ihren Präsidenten - für seine Politik der harten Hand und auch dafür, dass er beim Angeln auch mal oben ohne posiert. Doch wie entscheidungsfreudig ist Russlands "nationaler Führer" wirklich?

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Der russische Präsident Wladimir Putin beim EU-Russland-Gipfel in Samara (Mai 2007, Quelle: AP)
Warum nur sind die Russen von ihrem Präsidenten-Caudillo so begeistert?Bild: AP
Putin auf einer Wahlkampfveranstaltung in Moskau (21.11.2007, Quelle: AP)
Da die Verfassung ihm eine dritte Amtszeit als Präsident verbietet, will Putin nach der Wahl am 2. Dezember Ministerpräsident werdenBild: AP

Wenn für das Image Wladimir Putins in Europa ein Auftritt prägend war, dann der auf dem EU-Russland-Gipfel im russischen Badeort Samara: Mit verspiegelter Sonnenbrille präsentierte er sich, ein überlegenes Lächeln auf den Lippen, ein schwarzes Designer-Shirt unter dem eng geschnittenen schwarzen Anzug. Auf dem EU-Russland Gipfel im Mai schien sich nicht ein demokratisch gewählter Präsident eines wichtigen Landes neben der deutschen Bundeskanzlerin zu präsentieren, sondern ein Mann wie aus einem Geheimdienst-Thriller: Kalt, machtbewusst und effizient.

Aber das Bild des starken, harten Putin sei zwiespältig, sagt einer, der dessen Politik seit einigen Jahren intensiv verfolgt, der Russland-Experte Hans-Henning Schröder von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Auf der einen Seite bediene Putin dieses Bild, wie beim Auftritt in Samara oder beim sommerlichen Angeln mit Prinz Albert in Sibirien. Damals, im August, präsentierte er der Welt seinen nackten Oberkörper, um den Hals ein standesgemäßes Silberkettchen mit großem Kreuz. Macho-Gehabe ist in Russland keineswegs verpönt. "Er zeigt sich gern als einer, der Schutz gewährt, weil er ein starker Mann ist, aber auch anständig. Und er verkörpert eigentlich das, was man sich als russische Frau wünscht."

Russland vertraut nur ihm

Putin beim Angelspaß in Sibirien (August 2007, Quelle: AP)
Angelt auch gern mal oben ohne - Russlands Präsident Wladimir PutinBild: AP

Doch zu einem großen Teil ist das Bild des starken Putins, des Retters der Russen vor allem eine Projektion. Denn die Russen haben sonst nichts und niemanden, dem sie Vertrauen könnten. Fragt man die russische Bevölkerung, welchen Institutionen sie vertraut, nennen regelmäßig mehr als 70 Prozent den Präsidenten. Nur 10 Prozent nennen die politischen Parteien, acht Prozent die Gewerkschaften, 15 Prozent die Justiz. "Nicht ganz zu unrecht", sagt Hans Henning Schröder, die Parteien wechselten jedes Jahr und viele seien mehr Kopfgeburten von oben, denn Volksvertreter. Die Gewerkschaften kümmerten sich nicht um die Bevölkerung, die Justiz sei korrupt.

Bleibt also das Bild des großen Putin, der seinen Bürgern nach den Wirren der 90er Jahre zu bescheidenem Wohlstand und dem Land in der Welt zu alter Stärke verholfen hat. So jedenfalls sehen es viele russische Bürger. "Dabei ist der Wohlstand nicht nur Putins Verdienst, sondern liegt vor allem an den gestiegenen Ölpreisen. Aber das scheint nicht so wichtig zu sein", sagt Falk Bomsdorf von der Friedrich-Naumann-Stiftung in Moskau.

Mehr Wohlstand seit Putin

Seit Putin an der Macht ist, geht es den Russen tatsächlich wesentlich besser. Die Reallöhne sind in den letzten acht Jahren um etwa 50 Prozent gestiegen, vor allem hat sich in Russland so etwas wie eine Mittelschicht heraus gebildet. "Es hat sich eine Gruppe von kleinen Unternehmern, Mittelständlern gebildet, die es in der Zeit vor Putin nicht gab und die großes Interesse daran haben, dass er an der Macht bleibt", sagt Thomas Kunze, der bis vor einigen Wochen für die Konrad Adenauer Stiftung in Russland tätig war.

Vor Putins Amtsantritt, als Boris Jelzin das Land regierte, konnten die meisten Russen dagegen von ihrem Gehalt kaum leben, "alte Leute, die keine Rente bekommen haben, sind einfach krepiert. Das war eine Zeit, in der die Leute ums Überleben gekämpft haben", sagt Russlandexperte Schröder. Anders als in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg führten Demokratie und freie Marktwirtschaft in Russland nicht sofort zu einem Plus an Lebensqualität. Seit Putins starker Staat die Wirtschaft zunehmend kontrolliert und steuert, haben die Russen mehr im Portmonee.

Diagnose: Highlander-Syndrom

Anhänger der Bewegung "Pro Putin", der sich den Slogan auf die Wange gemalt hat (21.11.2007, Quelle: AP)
"Pro-Putin" ist weit mehr als die Hälfte der russischen BevölkerungBild: AP

Da all dies mit der Person Putins verknüpft wird, gibt es in Russland etwas, das Hans-Henning Schröder "Highlander-Syndrom" nennt. "Es kann nur einen geben, und das ist im Moment eben Putin." Er sei der einzige, der Staat und Gesellschaft integriere. Und deswegen begrüßen es viele Russen, wenn der Chef der Partei "Geeintes Russland" Boris Gryslow Putin als "nationalen Führer" etablieren will, um dessen Macht über seine Präsidentschafts-Amtszeit hinaus zu erhalten.

Doch dieser Putin, sagt Schröder, ist eher die virtuelle Figur, die im staatlich kontrollierten Fernsehen omnipräsent ist. Der reale Putin und dessen Entscheidungsfreude passen dagegen nicht immer zum Bild des starken, entschlossenen Mannes. Denn so hart und kompromisslos wie in außenpolitischen Fragen, gibt sich Putin in der russischen Innenpolitik keineswegs. "Mein Eindruck ist nicht, dass Putin besonders durchsetzungsfähig war und heikle Entscheidungen gefällt hat", sagt Schröder. Heiße Eisen wie etwa eine Gesundheitsreform oder eine Reform der kommunalen Dienstleistungen hat Putin in den letzten vier Jahren gar nicht erst angefasst. 2005 wagte er sich an eine Sozialreform, als es zu kleinen Demonstrationen kam, zog Putin die Pläne zurück.

Strippenziehen statt basta

Auch bei Konflikten in der Regierung gab Putin keineswegs den Basta-Politiker: Als vor fünf Jahren der Verteidigungsminister und der russische Generalstabschef öffentlich über Fragen der Sicherheitspolitik stritten, griff Putin monatelang nicht ein. "In Deutschland wäre einer der beiden am nächsten Tag weg gewesen – wenn nicht sogar beide", sagt Schröder. In der Innenpolitik saß Putin Konflikte häufig aus, statt Position zu beziehen. Oder er zog im Hintergrund Strippen, indem er einen von zwei Streithähnen in ein anderes Amt lobte. "Das ist eigentlich ein anderer Stil, als der, der in der Öffentlichkeit kolportiert wird."

Warum die Russen ihren Präsidenten trotzdem mögen? Vielleicht, weil das System Putin für die größtenteils apolitischen Russen, die sich nicht in oppositionellen Kreisen engagieren, gut funktioniert. Besonders russisch sei Putin jedenfalls nicht, meint der Russlandexperte Schröder und lacht. "Er ist eher typischer Deutscher als typischer Russe. Als typischer Russe würde man ein bisschen mehr Weite der Seele erwarten und vielleicht auch etwas mehr Trunkenheit und Rausch."