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Babel Europa

Das Interview führte Pablo Kummetz26. September 2007

Ziel des Europäischen Tags der Sprachen ist es, die Wertschätzung von Sprache und Kultur auf dem Kontinent zu fördern. Keine leichte Aufgabe - sagt Dr. Wolfgang Schulze im Deutsche Welle-Interview.

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Zwei Menschen im Gespräch, Quelle: Bilderbox
Wie sprechen in Europa?Bild: Bilderbox

Deutsche Welle: Herr Schulze, wieviele Sprachen gibt es in Europa?

Wolfgang Schulze: In Europa werden mehr als 200 Sprachen gesprochen, die sehr unterschiedlichen Sprachfamilien angehören. Die größte Gruppe, das Indogermanische, gliedert sich in das Germanische, Keltische, Romanische, Baltische, Slawische, Albanische, Griechische und Armenische. Die zweitgrößte Gruppe ist das Finno-Ugrische, also beispielsweise Finnisch und Ungarisch. Dann kommen die Turk-Sprachen mit Türkisch als wichtigster Sprache.

Wolfgang Schulze, Quelle: privat
Wolfgang Schulze ist Sprachwissenschaftler an der Universität MünchenBild: Dr. Wolfgang Schulze

Im West- und Südkaukasus finden sich weitere nicht-indogermanische Sprachen, darunter das Georgische und das Tscherkessische. Nicht zu vergessen sind die, die wir keiner Gruppe zuordnen können, wie etwa das Baskische oder das Grönländische.

Europa ist jedoch nicht die Region mit der größten Sprachenvielfalt - auf Papua-Neuguinea allein werden etwa 900 Sprachen gesprochen. Trotzdem ist die europäische Zahl beachtlich. Die Anzahl schwankt stark - zwischen 80 Millionen, die Deutsch sprechen und 100 oder weniger Sprechern einiger Ostsee-finnischen Sprachen.

Und wenn man die Dialekte dazu addiert?

Durch den Aspekt 'Dialekte' wird es noch unübersichtlicher. Natürlich hat nicht jede Sprache gleich viele. Der Mittelwert liegt vielleicht bei plus/minus zehn. In diesem Sinne gibt es rund 2000 Dialekte. Gegenüber den 23 Amtssprachen in der EU ist diese Zahl beachtlich.

Was unterscheidet eine Sprache von einem Dialekt?

Darüber gibt es in der Wissenschaft keine einheitliche Meinung. Ein Dialekt ist eine kleinräumige Sprache, die weniger den Wortschatz und die Lautung, aber mehr die Grammatik mit benachbarten Sprachräumen teilt und so ein Teil eines 'Dialektkontinuums' oder einer 'Gesamtsprache' ist.

All das, was einer bestimmten Zahl von Dialekten gemeinsam ist, kann man 'Sprache' nennen - nur dass diese natürlich auch wieder ihre Eigenheiten hat, also auch nur ein Dialekt neben anderen ist. Die Sprache wird aber gegenüber den Dialekten staatlich gefördert und soll so zur kollektiven Identität beitragen - was ich für höchst fragwürdig halte. Im Grunde ist die Unterscheidung keine sprachwissenschaftliche, sondern eine soziologische und auch historisch-politische Frage.

Welche sind die Länder Europas mit den meisten Sprachen und Dialekten?

Türkische Frauen auf einem Markt in Berlin-Kreuzberg, Quelle: AP
Durch die große Migrantenzahl gehört Deutschland zu den Ländern mit den meisten SprachenBild: AP

Frankreich und Italien sind die Regionen mit der größten Zahl an Dialekten, gefolgt von Deutschland und England. Die meisten Sprachen gibt es in Russland, das - nimmt man den asiatischen Teil hinzu - allein schon über 200 verfügt. In Westeuropa finden sich die meisten Sprachen in Großbritannien, Frankreich, der Schweiz, Italien und - bedingt durch die große Migrantenzahl - in Deutschland.

Was spricht man alles in Deutschland?

Wir haben in Deutschland etwa 15 'Altsprachen', die schon vor der in den 1960er Jahren einsetzenden Migration präsent waren. Hierzu zählen zum Beispiel Dänisch und Sorbisch. Hinzu kommen etwa elf 'Hauptdialekte' wie Bayerisch oder Kölsch. Nimmt man die Migrantensprachen hinzu, müssen wir rund 50 Sprachen hinzufügen.

Sterben Sprachen in Europa aus?

Sorben in Trachten
Sorben in Trachten: Ihre Sprache ist in Ostdeutschland fast ausgestorbenBild: dpa

Sicher sterben Sprachen aus, das ist in Europa schon in klassischen Zeiten geschehen. Denken Sie an die vielen Sprachen Italiens, die unter den Römern durch Latein ersetzt worden sind. Die massenhafte Präsenz einer anderen Sprache in der Öffentlichkeit, und sei es im Internet, kann eine Sprache gefährden. Ideologischen Muster spielen auch eine Rolle: Eine Minderheitensprache zu sprechen kann ein Stigma sein - Zeichen einer Provinzialität und somit weniger 'modern'.

Die erhöhte Mobilität vieler Europäer erzwingt eine Mehrsprachigkeit, die sogar zum Sprachersatz führen kann. Man darf außerdem das politische Moment nicht vergessen. Staat und Nationalsprache werden oft gleichgestellt. Mit der Folge, dass Minderheitensprachen als potenzielle Bedrohung der staatlichen Einheit gesehen werden.

Das kann zum Verbot einer Sprache in der Öffentlichkeit führen, wie in Frankreich einst in Bezug auf das Baskische, Bretonische oder Elsässische. Das führt zu einem Sprachwechsel, da sie sich die Sprecher den entsprechenden Sanktionen entziehen möchten. Medien und Unternehmen haben in ihrer praktischen Haltung zur Sprache auch einen Anteil am Sprachenverlust.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie es um den Gesundheitszustand der europäischen Sprachen steht.

Wie ist der "Gesundheitszustand" der Minderheitensprachen in Europa?

Pariser Eiffelturm, Quelle: AP
Nicht nur Franzosen tun sich schwer mit dem Erlernen von FremdsprachenBild: AP

Schlecht bis todkrank - es kommt aber darauf an. Manchmal ist eine Sprache zwar prozentual gesehen die einer Minderheit, doch von der Sprecherzahl noch immer bedeutsam. Das gilt zum Beispiel für das Katalanische in Spanien. In anderen Fällen sind Minderheitensprachen tatsächlich schon fast verschwunden. Das gilt für die friesischen Sprachen in Norddeutschland oder das Sorbische in Ostdeutschland. Gut die Hälfte der europäischen Sprachen sind bedroht oder schon am Sterben.

Muss man die Sprachenvielfalt fördern? Wenn ja, warum?

Sprachen transportieren auch das kulturelle Wissen einer Sprechergemeinschaft. Deshalb kann der Verlust gleichbedeutend mit dem Schwund an kulturellem Wissen sein.

Das Bewahren der Sprachvielfalt ist aber weniger ein Problem der Sprecher selbst, als vielmehr ein Bedürfnis der kulturellen Eliten nach Bewahrung von Vielfalt an sich. Natürlich ist das aber kein Wert an sich - sondern Ausdruck eines kulturellen oder gar politischen Bedürfnisses. In soziologischer Hinsicht kann der drohende Verlust einer Sprache aber durchaus sozialen Sprengstoff beinhalten, wie es sich unter anderem an der Frühgeschichte der ETA gezeigt hat. Ich bin der Meinung, dass die Sprachvielfalt gefördert werden muss, weil man den Menschen ihre Sprache nicht wegnehmen darf. Die Förderung muss aber mit sensibler Hand erfolgen - ohne den romantisierenden Druck einer Elite. Maßnahmen dürfen also nicht an den Sprechern vorbei geplant werden, sondern müssen sehr genau auf deren Einschätzung und Bedürfnisse eingehen. Eine Sprache zu wechseln ist weiß Gott keine Schande!

Was macht zum Beispiel die EU in dieser Hinsicht?

Die Grundrechte-Charta der EU besagt in Artikel 22: "Von der Union wird die kulturelle, religiöse und sprachliche Vielfalt geachtet." In einer Reihe von Beschlüssen wird diese Aussage konkretisiert, doch bleiben viele Punkte unklar oder nicht realisiert.

Mein persönlicher Eindruck ist, dass die EU im Grunde kein einheitliches Konzept zum Erhalt der Sprachvielfalt hat, sondern mit eher kurzatmigen Programmen auf ebensolche politischen Forderungen reagiert. Die geraten schnell wieder in Vergessenheit, wenn das Thema nicht mehr aktuell ist.

Lernen die Europäer gerne eine Fremdsprache?

Medizin, Quelle: Bilderbox
Bedenklicher Gesundheitszustand: Immer mehr Sprachen sterben ausBild: Bilderbox

Das hängt sicherlich von der Region ab. In Deutschland ist das Sprachlernen zwar Teil des offiziellen Kulturprogramms und das wird auch in den Schulen umgesetzt. Jedoch ist die Zahl tatsächlich monolingualer Sprecher in Deutschland immer noch sehr hoch.

Andere Regionen sind diesbezüglich noch stärker gekennzeichnet, zum Beispiel Frankreich und die osteuropäischen Staaten. Hier steht die Rückbesinnung auf die eigene Sprache nach Jahren der Dominanz des Russischen im Vordergrund. Fremdsprachen haben da einen eher sekundären Stellenwert.

Gibt es Kuriositäten bezüglich der Sprachen in Europa?

Das hängt davon ab, was man unter Kuriositäten versteht. Wir Sprachwissenschaftler sehen das etwas nüchterner.

Kurios ist vielleicht die 'Kanak-Sprak' - in der viele deutsche und ausländische Jugendliche in städtischen Ghettos kommunizieren. Analog dazu finden wir in Frankreich Verlan - eine Spielsprache in, die von der Vertauschung von Silben und Konsonanten lebt. Das Wort kurios sollte letztendlich aber das bezeichnen, was es im Französischen auch bedeutet: nämlich neugierig.