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Buchtipp

Gerhard Wettig: Chruschtschows Berlin-Krise 1958 bis 1963

Ein deutscher Historiker hat in einem neuen Buch auf Basis erstmals zugänglicher russischer Akten die sowjetische Deutschland-Politik während des Höhepunktes des Kalten Krieges beleuchtet - mit interessanten Ergebnissen.

 

Heute kaum noch vorstellbar war sie das Symbol des Kalten Krieges und des Ost-West-Konflikts: die Berliner Mauer. Ihre Errichtung am 13. August 1961 war der Höhepunkt der so genannten Zweiten Berlin-Krise, die der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow im Herbst 1958 ausgelöst hatte und die erst im Spätherbst 1963 an Intensität nachließ.

Schon die Zeitgenossen und vor allem die vom Mauerbau geschockten Deutschen empfanden die Abriegelung West-Berlins als eine der gefährlichsten Zuspitzungen des Kalten Krieges. Doch auch im historischen Rückblick erscheint die Zweite Berlin-Krise - zusammen mit der Kuba-Krise - als die zentrale Epoche des Kalten Krieges. Ein Grund für Zeitgeschichtler in den vergangenen Jahren, die Ursachen, Hintergründe und Entscheidungsprozesse der politischen Akteure zu erforschen.

Einseitige Quellenlage

Durch die Archivfreigaben im Westen konnten mittlerweile die damaligen Abläufe und Motive in Washington, London, Paris, Brüssel und Bonn analysiert werden. Sogar die Positionen der SED-Führung in der Berlin-Krise ließen sich näher beleuchten. Problematisch war dagegen die Quellenlage zum sowjetischen Entscheidungsprozess, was um so mehr wog, da gerade Nikita Chruschtschow die Krise initiiert hatte. Deshalb galten entscheidende Fragen zur sowjetischen Politik lange Zeit als offen: Weshalb löste Chruschtschow die Krise aus? Welche Rolle hatten die anderen Akteure im sozialistischen Lager, allen voran die SED-Führung um Walter Ulbricht? Hat die Sowjetunion mit dem Mauerbau seine Ziele erreicht? Einer der besten Kenner der sowjetischen Deutschlandpolitik nach 1945, Gerhard Wettig, früher Forschungsbereichsleiter am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln und Chefredakteur der Zeitschrift "Außenpolitik", gibt nun in seinem neuen Buch Antworten auf einige dieser Fragen.

Wettig konnte dabei im Rahmen eines Projektes der deutsch-russischen Historikerkommission sowjetische Dokumente auswerten, in erster Linie Bestände des Archivs des russischen Außenministeriums und des Russischen Staatsarchivs für Neueste Geschichte, des ehemaligen Archivs des ZK der KPdSU. Ergänzend dazu hat er Material aus Archiven der ehemaligen DDR benutzt.

Verwehrt bliebt ihm leider der Zugang zum Präsidentenarchiv in Moskau, dem zweifellos wichtigsten Archiv zur Sowjetgeschichte, in das selbst russische Historiker nur in seltenen Ausnahmen Einsicht nehmen dürften. Trotzdem ist es Gerhard Wettig auf Grundlage des bis jetzt einzigartigen Aktenmaterials gelungen, eine Reihe neuer Erkenntnisse über die sowjetische Politik in der zweiten Berlin-Krise sowie eine Fülle von interessanten Details vorzulegen.

Ideologie versus Interessenpolitik

In Hinsicht auf den innersowjetischen Entscheidungsprozess kommt der deutsche Zeithistoriker zum Schluss, dass Chruschtschow ganz persönlich die Entscheidung zum Berlin-Ultimatum an die Westmächte im November 1958 getroffen hat. Nicht einmal mit dem sowjetischen Außenministerium habe er Rücksprache gehalten. Für Wettig blieb Chruschtschow "während der gesamten Dauer der Krise die treibende Kraft und [er] war stets der entscheidende Initiator des Geschehens, während die Leiter der westlichen Politik weithin nur reagierten".

Das bleibende Resultat dieser Krise war - wie Wettig konstatiert - die Berliner Mauer, die aber nicht Endziel der sowjetischen Politik gewesen sei, sondern das kurzfristige Ausbluten der DDR hatte verhindern sollen. Nach Meinung des deutschen Historikers gingen die Ziele Chruschtschows noch weiter. Erstens: die Erzwingung eines Friedensvertrages, der die Teilung Deutschlands vollenden sollte, und zweitens: die Aufhebung der westlichen Besatzungsrechte, um West-Berlin in ein von der SED-Führung abhängiges Gebiet zu verwandeln. "Daran hielt er nach dem Mauerbau weiter fest", meint Wettig.

Warum Chruschtschow nicht auf die weitreichenden Kompromissvorschläge von US-Präsident Kennedy eingegangen ist, führt Wettig auf das kommunistische Weltbild des sowjetischen Führers zurück. Denn "der Ablehnung aller Kompromisse lag die ideologisch bedingte Einschätzung zugrunde, das Kräfteverhältnis werde sich unaufhaltsam zugunsten des sozialistischen Lagers verändern". Die Handlungsprinzipien Chruschtschows basierten folglich nicht auf Überlegungen zu sowjetischen Sicherheitsinteressen. Vielmehr war Chruschtschows Glauben an die Überlegenheit des kommunistischen Systems die Quelle für die aggressiv-konfrontative sowjetische Politik in der zweiten Berlin-Krise.

Wer sich für die sowjetische Deutschland-Politik von 1958 bis 1963 - Berlin-Ultimatum, Mauerbau, Checkpoint Charlie - interessiert, kommt an diesem Buch von Gerhard Wettig nicht vorbei. Bis zur Freigabe der entsprechenden Akten im russischen Präsidentenarchiv werden diese Erkenntnisse den Maßstab bilden - also vermutlich noch für eine lange Zeit.

 

Ingo Mannteufel

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Weitere Schlagzeilen

Das Buch Kompakt
  1. Gerhard Wettig: Chruschtschows Berlin-Krise 1958 bis 1963
  2. Verlag: Oldenbourg, 2006
  3. ISBN: 3-486-57993-2
  4. Preis (EURO): 34.80


 

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