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Buchtipp

Leon de Winter: Sokolows Universum

Ein spannendes Buch - und ein humorvolles. Im Mittelpunkt steht Sascha Sokolow, einst gefeierter Raumfahrtpionier in Russland, jetzt Straßenkehrer und exzessiver Wodkatrinker in Irael.

 

Zwei Zitate hat der niederländische Schriftsteller Leon de Winter seinem Roman "Sokolows Universum" vorangestellt:

Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne,
Den Schritt nicht hören, den du tust,
Nichts Festes finden, wo du ruhst.

Und:

Glaubst du nicht, Gott sieht alles? - Gott ist ein Luxus, den ich mir nicht erlauben kann.

Stammt ersteres aus Goethes "Faust", ist das zweite von Woody Allen fast auch schon ein Klassiker.

Vom Atomphysiker zum Straßenkehrer

Zwischen dem deutschen Genius und dem amerikanisch-jüdischen Melancholiker lässt sich das Werk de Winters recht gut einordnen. Bestimmen einerseits tiefgründige menschliche Konflikte die Romane des Holländers, sind diese auf der anderen Seite von einem wunderbaren jüdischen Humor durchtränkt.

"Sokolows Universum" erschien bereits 1992 im Original, in Deutschland kommt der Roman erst jetzt als neuer "De Winter" heraus. Schließlich ist der Holländer inzwischen einer der Starautoren des Diogenes-Verlages, und bei unseren Nachbarn liegen noch einige De-Winter-Romane unübersetzt auf Halde.

Diesmal geht es um den russischen Juden Sascha Sokolow, der im Zuge der Öffnung der Sowjetunion nach Israel ausreisen darf. Dort arbeitet er nun als Straßenkehrer. Doch von Hause aus ist Sokolow - der Leser ahnt es schon - etwas ganz anderes: als hochqualifizierter Atomphysiker, abgestiegen auf der Leiter des Erfolges bereits in der alten Heimat, schlägt er sich - mehr schlecht als recht - auf den Straßen Tel Avivs durchs Leben.

Vom Leben Gezeichneter

Die Vergangenheit begleitet ihn auf Schritt und Tritt. Nach der Explosion einer von ihm mitentwickelten Rakete wurde er strafversetzt nach Sibirien. Nun also Israel, da bekommt er keinen Fuß auf die Erde, keiner will ihn haben, auf der Straße landet er im wahrsten Sinne des Wortes. Auch privat gescheitert, Frau und Kind hat er verlassen, die sind inzwischen auch ausgewandert, nach Holland.

Sokolow ist wieder einer dieser typischen De Winterschen Helden, ein vom Leben Gezeichneter, ein wenig depressiv, dem Alkohol verfallen und immer auf der Scheide des Lebens wandelnd. Doch tief im Inneren, da pocht ein starkes Herz, das sich aufbäumt und zu stolz ist, als dass es im Strudel des Lebens endgültig verstummen würde.

Der alte Freund und Kollege Lew taucht plötzlich auf in Israel, da nimmt der Roman seinen Anfang. Sokolow mag's kaum glauben, denn dieser Freund entpuppt sich als eiskalter Egomane. Sokolow beginnt langsam zu verstehen, was Lew in der neuen Heimat, mit der neuen Freiheit, so alles anzufangen weiß.

Der niederländische Schriftsteller Leon de WinterBildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:  Der niederländische Schriftsteller Leon de Winter De Winter, jüdischer Abstammung, in Holland und den USA lebend, hatte immer schon ein Faible für das Spiel mit der eigenen Herkunft, hier in "Sokolows Universum" spielen Herkunft und Identität Hauptrollen wie im folgenden Dialog:

"Lesjawa ist aber kein jüdischer Name. Er ist christlich und georgisch." - "Stimmt." - "Aber..." - "What is a jew?" - "Jemand, der eine jüdische Mutter hat." - "Wenn wir nur weit genug zurückgehen, hat jeder eine jüdische Mutter." - "Oder jemand, der nach jüdischen Gesetzen lebt." - "Es geht darum, wie man sich fühlt." - "Aber offiziell bist du jüdisch ?" - "Was ist schon offiziell?"

"Sokolows Universum" ist wieder einmal ein hinreißender Roman von Leon de Winter, ungemein spannend zu lesen, dabei humorvoll, melancholisch, mit einem Helden, mit dem man mit leidet, mit zittert.

 

Jochen Kürten

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Weitere Schlagzeilen

Das Buch Kompakt
  1. Leon de Winter: Sokolows Universum
  2. Verlag: Diogenes, 2001
  3. ISBN: 3-257-23288-8
  4. Preis (EURO): 10.90


 

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