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Europa | 26.11.2004

Gasprinzessin Julia

 

Sie mobilisiert die Menschen in der Ukraine: Julia Timoschenko. Die Regierung in Kiew muss sie fürchten. Die Frau hinter Oppositionsführer Juschtschenko hat noch persönliche Rechnungen offen.

 

Szenen wie bei einer Jeanne d'Arc-Verfilmung: Eine zierliche, gut aussehende Frau marschiert an der Spitze von Zehntausenden zum Präsidentenpalast von Kiew. Als ein Wall von schwer bewaffneten Polizisten den Zug stoppt, sieht es nach Eskalation aus.

 

Doch die Frau mit dem blonden Haarkranz handelt richtig, um die Situation zu entschärfen. Sie geht auf die paramilitärischen Kräfte in ihren Ganzkörper-Uniformen zu und steckt Nelken an ihre Schutzschilder. Seit diesem Abend (23.11.) gehen die Bilder und Worte von Julia Timoschenko um die Welt.

 

Deeskalation: Julia Timoschenko bei der Demonstration am 23.11.Bildunterschrift: Deeskalation: Julia Timoschenko bei der Demonstration am 23.11.

 

Das Charisma der Opposition

 

Zum Marsch und zur Belagerung des Präsidentensitzes hatte Timoschenko kurz vorher selbst aufgerufen: "Bildet eine Kolonne und kommt mit uns zum Präsidentenpalast", hatte die 44-Jährige ihren Anhängern aufgefordert. "Wir werden ihn umstellen und warten, bis sie aufgeben. Wir werden keine Gewalt anwenden."

 

Während Viktor Juschtschenko, der Präsidentschaftskandidat der Opposition, als eher besonnen gilt und seine Politik inhaltlich bewirbt, kämpft Timoschenko mit Leidenschaft. Sie macht sich stark für einen Generalstreik, eine friedliche Revolution.

 

Millionenschwere Heilige

 

Mehr Leidenschaft als der Präsidentschaftskandidat: Timoschenko mit JuschtschenkoBildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:  Mehr Leidenschaft als der Präsidentschaftskandidat: Timoschenko mit Juschtschenko"Julia", wie die Ukrainer Timoschenko rufen, kämpft nicht uneigennützig gegen Präsident Kutschma und Regierungschef Janukowitsch. Ihr Aufstieg begann im Jahr 1995. Zusammen mit ihrem Mann Alexander leitete sie den Energiekonzern EESU (Vereinte Energiesysteme der Ukraine). Gemeinsam kauften sie vor allem russisches Erdgas ein, um es nach Westeuropa weiter zu exportieren. Timoschenko bekommt in dieser Zeit den Spitznamen "Gasprinzessin", noch heute ist die reichste Frau des Landes. Ab 1999 gehörte sie für etwas mehr als ein Jahr dem Kabinett ihres jetzigen Intimfeindes Janukowitsch an.

 

Als Energieministerin sollte sie die Korruption im wichtigsten Industrie-Sektor der Ukraine bekämpfen. Dann aber entzog ihr Präsident Kutschma das Amt ausgerechnet mit dem Vorwurf der Steuerhinterziehung.

 

Treibjagd der Justiz

 

Nach ihrer Absetzung schloss sich Julia Timoschenko mit ihrer "Vaterlandspartei" der Opposition an.

Zum Unwillen der Regierung: Der ukrainische Machtapparat um Kutschma und Janukowitsch lässt sie wegen der Korruptionsvorwürfe verhaften. Auch ihr Mann und ihr Schwiegervater müssen in Untersuchungshaft. Bei den Menschen in der Ukraine sorgen jedoch die Bilder der hübschen Julia hinter Gittern für Wut auf die alten Machthaber. Vor allem im europafreundlichen Westen des Landes gewinnt sie viele Sympathien.

 

 "Warum sollte nicht eine Frau Staatschef werden?", fragte sie noch vor zwei Jahren auf einer Pressekonferenz. Das sie sich nun hinter Viktor Juschtschenko gestellt hat und die Opposition einigen wollte, werten Experten als Indiz für das Leitmotiv der "Gasprinzessin": Rache an Leonid Kutschma. (bde)

 
 

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