Buchtipp
Baha Güngör: Die Angst der Deutschen vor den Türken und ihrem Beitritt zur EU
Schon seit Anfang der 1960er Jahre strebt die Türkei in die EU. Aber zum offiziellen Beitrittskandidaten wurde sie erst Ende 1999 gekürt. Beitrittsverhandlungen könnten dann beginnen, wenn Ankara die entsprechenden Kriterien erfülle, lautete damals der Beschluss.
"Dies war der Zeitpunkt, an dem sich die Deutschen und hinter ihrem Rücken auch andere Europäer beruhigt zurücklehnten. Sie waren fest davon überzeugt, dass die Türkei es nicht schaffen würde, die notwendigen Verfassungs- und Gesetzesänderungen vorzunehmen."
So beschreibt es Baha Güngör in seinem Buch. Doch die Europäer hatten Ankaras Europa-Eifer unterschätzt: Die türkische Regierung verabschiedete zahlreiche Reformpakete, schaffte die Todesstrafe ab - und machte sogar den Weg frei für Rundfunksendungen in kurdischer Sprache. Mit dem Ergebnis, dass die EU-Kommission jetzt wohl tatsächlich die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen empfehlen wird.
Größte Bedenken
Obwohl die Bundesregierung diesen Kurs unterstützt, kommt aus Deutschland der größte Widerstand gegen einen türkischen Beitritt. Die Bedenken reichen von einer kulturellen Überforderung oder territorialen Überdehnung der EU bis hin zu einer unkontrollierten Masseneinwanderung aus Anatolien. Wodurch sich nach Befürchtung vieler Deutscher die Integrationsprobleme mit den derzeit rund 2,3 Millionen Türken hierzulande noch weiter verschärfen könnten.
Woher kommen diese Ängste? Sicherlich nicht zuletzt aus dem oft schwierigen Zusammenleben von Deutschen und Türken in Deutschland. Baha Güngör ist Leiter der Türkischen Redaktion der Deutschen Welle und fühlt sich in beiden Ländern zu Hause. Mangelnde Bereitschaft zu Dialog und Integration sieht er durchaus auch auf deutscher Seite:
"Deutsche kennen den türkischen Automechaniker oder den Dönerverkäufer, die Türkin an der Kasse im Supermarkt oder in der Putzkolonne, den Reiseunternehmer Vural Öger, den Politiker Cem Özdemir oder Kaya Yanar, dessen TV-Sketche die Vorurteile über Türken festigen und die sich kein Deutscher erlauben dürfte. Doch die wirkliche Welt der Türken in Deutschland kennen sie nicht. Weil die Deutschen wenig Ahnung von der Gefühlswelt der Türken haben, gehen sie ihnen am liebsten aus dem Weg - und wundern sich gleichzeitig darüber, dass viele Türken gern unter sich bleiben."
Mit Polemik gegen Vorurteile
Baha Güngör ist überzeugt, dass ein türkischer EU-Beitritt keine Masseneinwanderung nach sich ziehen, sondern vielmehr die Integration der bisher schon in Deutschland lebenden Türken erleichtern würde. Zudem würde dadurch die Vereinbarkeit von Demokratie und Islam unterstrichen und der europäischen Außenpolitik eine neue Perspektive eröffnet. Solche Argumente werden die Gegner eines Beitritts kaum überzeugen können. Aber Güngör rückt viele krude Vorurteile zurecht - und er geizt dabei auch nicht mit Polemik. Ein Buch, das im besten Sinne zur Auseinandersetzung reizt.
Weitere Schlagzeilen
Das Buch Kompakt
- Baha Güngör: Die Angst der Deutschen vor den Türken und ihrem Beitritt zur EU
- Verlag: Diederichs, 2004
- ISBN: 3-7205-2536-8
- Preis (EURO): 19.95












