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Bildung | 06.01.2010

Nicht vergessen - aber vergeben

 

Wenn in Israel deutsche Geschichte auf dem Stundenplan steht, erfahren Schüler alles über das Nazi-Regime. Viele Schüler würden aber gerne mehr über die jüngste Vergangenheit und das heutige Deutschland lernen.

 

Kurz nach neun beginnt an der Wizo Leo Beck Schule in Haifa die Geschichtsstunde. Über eine weiße Tafel flimmern alte Filmaufnahmen. Sie zeigen junge Frauen, die zu martialischen Gesängen marschieren. Lehrer Doron Fessler will seinen Elftklässlern in dieser Stunde die Jugendorganisationen des Dritten Reichs erklären. Dabei setzt er nicht nur auf Fakten, sondern will vor allem Zusammenhänge vermitteln. In den alten Filmaufnahmen berichten Zeitzeugen, dass sie vor allem wegen des Gemeinschaftsgefühls in die Jugendorganisationen des Dritten Reichs eingetreten sind.

 

Geschichtsunterricht an der Wizo Leo Beck-Schule in Haifa (Foto: Anja Koch)Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:  Geschichtsunterricht an der Wizo Leo Beck-Schule in Haifa

Schüler Eyal Kanlov kann das gut nachvollziehen, er ist selbst Mitglied einer israelischen Jugendorganisation. "Es ist eben schön, mit anderen zusammen zu sein. Während des Dritten Reichs waren ja sehr viele Deutsche Mitglieder in einer Organisation, dafür kann man sie eigentlich nicht verurteilen." Je länger der Holocaust und die Herrschaft des Nazi-Regimes zurückliegen, desto weniger bringen die Schüler sie mit dem heutigen Deutschland in Verbindung - das zeigen die Erfahrungen von Doron Fessler, der schon seit fast 20 Jahren Geschichte lehrt.

 

Holocaust als Prüfungsthema

 

32 Schüler lernen in dieser Klasse, im Unterricht geht es lebhaft zu: Es wird diskutiert und nachgefragt, einige Schüler tippen eifrig in ihre Laptops. Für die Schüler ist es nicht die erste Unterrichtsstunde, in der es um das Dritte Reich geht. Im ersten Jahr der Oberstufe verbringen die Schüler zehn Unterrichtsstunden mit diesem Thema. "Wenn wir zum Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust kommen, nehmen wir uns fast ein ganzes Schuljahr Zeit", sagt Lehrer Doron Fessler. Fast 200 Seiten füllen im Schulbuch die Herrschaft des Nazi-Regimes und der Zweite Weltkrieg. Und die Schüler müssen gut aufpassen.

 

Ein israelischer Schüler hält ein Geschichtsbuch (Foto: Anja Koch)Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:  Nazistoff als Prüfungsliteratur

Bei ihren großen Abschlussprüfungen am Ende der Schulzeit ist der Holocaust ein zentrales Thema. Doch obwohl sich die Jugendlichen im Unterricht lange und ausführlich mit dem Dritten Reich beschäftigen – auf dem Lehrplan stehen auch andere Themen deutscher Geschichte. "Für israelische Schüler beginnt sie mit Bismarck", erklärt Arie Kizel, Forscher an der Universität Haifa. Bismarck werde in den Geschichtsbüchern als großer Held präsentiert, aber auch als der Herrscher, der Deutschland mit eiserner Hand geeint hat. "Wir versuchen, unter den israelischen Schülern ein kollektives Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Mechanismen des Nazi-Regimes und des Rassismus eigentlich schon in der Zeit Bismarcks wurzeln."

 

Neue Kapitel für die Bücher

 

Kizel erforscht, wie deutsche Geschichte im israelischen Unterricht und in Lehrbüchern vermittelt wird. Die Ergebnisse seiner Arbeit: die Schüler erhalten eine objektive, sachliche Sicht auf die Geschehnisse. An der Wizo Leo Beck Schule sieht man das ein bisschen anders: "Es wäre schön, wenn die Lehrer gewissenhafter unterscheiden würden zwischen 'den Deutschen' allgemein und den 'Nazis' im Speziellen", kritisiert Agivail Eliav. Eigentlich sei es ja nicht die deutsche Geschichte, die sie lernen, sondern vor allem die Geschichte der Nazis. "Ich finde, wir müssen auch nicht unbedingt die Geschichte Deutschlands pauken, genauso wenig wie die Spaniens oder Englands. Es hat eben nicht direkt etwas mit uns zu tun. Aber ich wüsste gerne mehr über Deutschland, wie es heute ist."

 

Israelisches Geschichtsbuch (Foto: Anja Koch)Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:  Deutsche Geschichte in israelischen Lehrbüchern

In diesem Punkt immerhin sind sich Schüler und Forscher einig: Die israelischen Geschichtsbücher, so Arie Kizel, müssen dringend um einige Kapitel ergänzt werden - die dann vor allem die positiven Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit thematisieren sollten. "Schließlich ist Deutschland mittlerweile ein enger Verbündeter - und es wäre ein großer Fehler, unseren Schülern das vorzuenthalten."

 

Autorin: Anja Koch

Redaktion: Marlis Schaum

 
 

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