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Ausstellung | 13.11.2009

Islamische Kunst neu sehen lernen

 

Die Mischung ist gewagt: islamische Kunst aus einem Jahrtausend wird mit zeitgenössischen Werken aus dem Orient und Europa zusammen gebracht. Eine fruchtbare Konfrontation, die aber auch dem Besucher einiges abverlangt

 

In einem der letzten Schauräume der Ausstellung "Taswir – islamische Bildwelten und Moderne" schafft es Kuratorin Almut Bruckstein Coruh, einen wahren Sturm von Assoziationen zu entfesseln. Rechts neben der schlanken Frau mit den dunklen, halblangen Haaren steht ein übergroßes Foto von Seifollah Samadian, das zeigt, wie ein Plakat mit dem Antlitz des Ayatollah Chomeini abgehängt wird. Zur Linken steht auf einem Podest der zierliche Porträtkopf einer seldschukischen Prinzessin. Bruckstein Coruh beschreibt mit den Armen die Blickachsen zwischen den beiden Werken aus dem Iran. "Da blickt diese kleine unverschleierte Frau aus dem 12. Jahrhundert selbstbewusst auf den Revolutionsführer", sagt Bruckstein Coruh, "gleichzeitig wurde bei ihrer Gestaltung ein ästhetisches Prinzip umgesetzt, das sich auch in der Beschreibung der Schönheit des Propheten Mohammed wiederfindet."


Ein paar Schritte weiter ist in einer Miniatur dargestellt, wie Mohammed den Mond spaltet. Die Kuratorin dreht sich um 45 Grad und stellt, fast schon atemlos, immer neue Beziehungen zwischen den Exponaten im Raum her: "Ich gebe zu, dass die Assoziationen vielfältig sind, aber ich fordere gar nicht vom Besucher, dass er das alles verstehen kann, das ist eine Entdeckungsreise, ein kleiner Kosmos."


Der Besucher betritt den Kosmos mit einem kleinen grauen Heft in der Hand. Der Kommentar zu den Ausstellungsräumen ist gleichzeitig eine Art Rettungsanker, wenn die Assoziationen zu sehr wuchern. Die Fragestellung zu jedem Raum wird darin erläutert. Wenn der Besucher auch nicht jede Antwort finden wird, eine Menge faszinierender Kunstwerke trifft er auf jeden Fall.

 

Eine Kopie des himmlischen Originals                    Eine kunstvoll gestaltete  Seite aus dem Kufi-Koran  des 11./12. Jahrhunderts (Foto: Bayerische Staatsbibliothek)Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:  Kufi-Koran

 

Gleich zu Beginn empfängt den Besucher goldschimmernde Pracht. Ein Koran aus dem 11. Jahrhundert, dessen kunstvoll-harmonischer Schriftfluss über goldgrundierte Seiten geht, gleich daneben ein Exemplar mit Silberschrift auf purpurnem Papier. Die Kalligraphie, vor allem die prächtige Ausgestaltung des Koran, gilt traditionell in der islamischen Kunst als die höchste Disziplin. Nach der islamischen Mystik erzeugt der Kalligraph eine Abschrift eines unsichtbaren verborgenen Ur-Korans.

 

Wie entsteht etwas aus dem Unerkennbaren, dem Nichts? Das fragen die Ausstellungsmacher und versuchen mit einem Werk des schwäbischen Künstlers Wolfgang Laib zu antworten. Es sind "Die fünf unbesteigbaren Berge". Ungeschützt schimmern sie in einer Nische, etwa sieben Zentimeter hoch. Hendrik Budde, der zweite Kurator der Ausstellung, ist begeistert von der fragilen Kunst: "Das ist Blütenstaub, von einem Haselnussstrauch, über Jahre gesammelt, da darf jetzt um Gottes Willen keiner hineinpusten, aber da kommt kein Glas davor." Ein Kurator muss mit der Vergänglichkeit leben können.

 

Schrift und ihre Nichtlesbarkeit

 

Gelbe Zeichen auf weißem Grund (Foto: D Katz - bpk) 
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:  Pablo Picasso: Le Chant des Morts

Die Aussteller wollen Verbindungen herstellen zwischen künstlerischen und philosophischen Gestaltungsprinzipien der klassischen islamischen Kunst und Werken der Moderne. Das beschränkt sich nicht nur auf die orientalische Moderne, wie das Laibs "Berge" zeigen. So treffen rhythmische Text-Annotationen Picassos auf mittelalterliche andalusische Textkunst. Bei Beidem geht es um die Umsetzung des Inhalts in Form. Der Besucher muss sich also keine Sorgen darüber machen, inwieweit er des Arabischen oder Persischen mächtig ist. "Gerade im kalligraphischen Bereich geht es mir sehr um die Nichtlesbarkeit. Das heißt, auch der persische oder arabische Leser würde nicht immer lesen können, was da steht", sagt Almut Bruckstein Coruh.


Übungsblätter osmanischer Kalligraphen stehen in enger Nachbarschaft zu moderner Schriftkunst, wie dem Zahlengewebe auf dem Gemälde "Twelve Fingers" des Iraners Hossein Zeneroudi oder den verschleierten Texten von Maliheh Afnan. Textinhalt wird visualisiert, verfremdet, verborgen.


Neue Perspektiven


Die Entdeckungsreise führt weiter zu Spielarten des Ornaments und Miniaturen, den beiden weiteren zentralen Bereichen islamischer Kunst. Man sieht eine 600 Jahre alte Deckeldose aus Elfenbein, mit einem sehr fein ausgearbeiteten Netz aus Sternen; Holzarbeiten auf alten Türen aus Ägypten und Marokko und zeitgenössische Werke ornamentaler Kunst.

 

Erotisches Zusammenspiel in grün und Rot (Foto: Courtesy Parastou Forouhar)Bildunterschrift: Parastou Forouhar: Rot ist mein Name, Grün ist mein Name

 

Die Zusammenstellung ist faszinierend, aber nicht darauf angelegt, einen Bereich didaktisch darzustellen. Die Kunstwerke werden aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgerissen und neu verortet. "Das ist alles sehr subjektiv zusammengestellt", sagt Bruckstein Coruh, "aber durch jahrelange international geführte Diskussionen entstanden." Hendrik Budde verteidigt die oft kühnen Begegnungen von Kunstwerken in den Räumen der Ausstellung: "Die Besucher sind hier mit der Eigenständigkeit eines Kunstwerkes konfrontiert und das irritiert zunächst etwas", sagt er, "aber man lernt zu sehen!"

 

Die Ausstellung Taswir - Islamische Bildwelten und Moderne ist bis zum 18. Januar 2010 im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen.

 

Autor: Heiner Kiesel

Redaktion: Conny Paul

 

 
 

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