Top-Thema | 30.10.2009
Chinas Durst nach Öl
Überall am Persischen Golf findet man sie heute: chinesische Geschäftsmänner, die mit ihren Partnern um neue Ölquellen und Lieferverträge verhandeln. Denn hier könnte China bis zum Jahre 2012 etwa 80 Prozent seines Ölbedarfs decken. Auf der anderen Seite macht sich die asiatische Großmacht auf diese Weise abhängig von Lieferanten wie Saudi-Arabien oder dem Iran.
Dabei sind die guten Handelsbeziehungen zwischen China und den islamischen Staaten nicht selbstverständlich. Große politische Unterschiede machten eine wirtschaftliche Beziehung ursprünglich unmöglich, erklärt die Journalistin und Ölexpertin Karin Kneissl. In den letzten 15 Jahren aber hat der Handel zwischen China und zum Beispiel Saudi-Arabien stark zugenommen: Die asiatische Großmacht kauft Öl bei den Saudis ein und exportiert im Gegenzug unter anderem Plastikprodukte oder Rüstungsgüter.
Inzwischen wird China von den arabischen Partnern sehr geachtet. Das liegt auch an Chinas politischer Strategie: Anders als die Europäische Union oder die USA mischt China sich nicht in die Politik seiner Wirtschaftspartner ein. Dem asiatischen Staat geht es um wirtschaftlichen Austausch und nicht um Themen wie Menschenrechte oder Rechtsstaatlichkeit.
In Zukunft möchten Chinas Energiefirmen sogar aus instabilen Staaten wie Syrien oder dem Irak ihr Öl beziehen. Dort lagern nämlich die größten Ölreserven der Welt. Und die braucht China dringend. Nach Informationen der Internationalen Energieagentur wird China bis zum Jahr 2012 etwa so viel Öl brauchen wie die restlichen asiatischen Staaten zusammen. Es gibt zwar noch keine großen Pipelines Richtung China, aber das kann sich schnell ändern. Denn in Sachen Öl stellen sich die Lieferanten immer mehr auf den durstigen Drachen ein.
Glossar
schwarze Gold, das – bildlich für: das Öl
Persische Golf, der – ein Teil des Meeres, der unter anderem an den Irak, Iran, Saudi-Arabien und Kuwait grenzt
den Bedarf an etwas decken – genug von etwas besorgen
Großmacht, die – ein wirtschaftlich und militärisch starkes Land
Lieferant/in, der/die – eine Person oder Firma, die Waren liefert
ursprünglich – so, wie etwas zuerst war
Saudis, die (Plural) – die Einwohner von Saudi-Arabien; gemeint ist: Saudi-Arabien
im Gegenzug – als Reaktion
Rüstungsgüter, die (Plural) – ein Begriff für verschiedene Arten von Waffen
Strategie, die – der Plan, wie man ein bestimmtes Ziel erreichen will
sich in etwas einmischen – etwas, das einen nicht direkt betrifft, mitbestimmen wollen
Rechtsstaatlichkeit, die – die Tatsache, dass ein Staat die Rechte seiner Bürger sichert
instabil – hier: so, dass die politische, wirtschaftliche und soziale Situation sehr leicht außer Kontrolle geraten kann
etwas beziehen – hier: etwas geliefert bekommen
Reserve, die – etwas, das man aufbewahrt, um es später einmal zu benutzen
Pipeline, die (aus dem Englischen) – ein Rohr, durch das Öl und Gas transportiert werden
in Sachen (mit Nominativ) – in Bezug auf; zum Thema
sich auf etwas einstellen – sich auf etwas vorbereiten
Drache, der – hier bildlich für: China
Fragen zum Text
1. Welche Aussage ist richtig: China …
a) leidet unter einer hohen Arbeitslosigkeit.
b) verbraucht nach den USA das meiste Erdöl.
c) kann sich mit seinen Ölreserven selbst versorgen.
2. Warum hatten China und Saudi-Arabien in der Vergangenheit keine wirtschaftliche Verbindung?
a) China hatte keine Waren, die Saudi-Arabien interessierten.
b) Saudi-Arabien wollte mit keinem anderen Staat handeln.
c) Die politischen Unterschiede beider Staaten waren zu groß.
3. Viele islamische Staaten handeln gerne mit China, weil …
a) China sich nicht in ihre politische Situation einmischt.
b) ihnen andere Staaten zu instabil sind.
c) China großes Interesse an ihren Waffen hat.
4. Wie kann man diesen Satz anders sagen: "Ohne Importe kann China seinen Ölbedarf nicht decken."
a) Falls China mehr Öl haben möchte, importiert es dies.
b) Wenn China kein Öl importiert, hat es nicht genug davon.
c) Wenn Chinas Nachfrage nach Öl sinkt, muss es dies nicht mehr importieren.
5. Ergänzen Sie den Satz: "Die Ölstaaten werden sich auf Chinas Ölnachfrage …"
a) eindecken.
b) einstellen.
c) einmischen.
Arbeitsauftrag
Glauben Sie, ein Staat sollte sich – wie die Europäische Union und die USA – in die politische Situation seines Wirtschaftspartners einmischen? Oder sollte er wie China nur auf wirtschaftliche Beziehungen achten? Diskutieren Sie in einem kurzen Text, welche Strategie Sie besser finden: die der Einmischung oder die der Nichteinmischung?
Autor: Moritz Schröder/Thomas Pütz
Redaktion: Shirin Kasraeian
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