Projekt Zukunft
Neue Ansätze gegen Zivilisationskrankheiten
DW-TV: Wir wissen, dass die Zahlen beim Bluthochdruck gewaltig ansteigen. Weltweit leiden rund eine Milliarde Menschen an Bluthochdruck. Ist ein Schrittmacher ein Weg um all diesen Leuten zu helfen?
Detlev Ganten: Wir können natürlich nicht eine Milliarde Menschen mit diesen hochtechnisierten Geräten versorgen. Aber es ist eine sehr wirksame Methode. Normalerweise müssen wir Bluthochdruck natürlich nicht in der Klinik behandeln, sondern zu Hause. Entweder mit den Medikamenten, oder noch besser, ohne Medikamente durch Vorbeugemaßnahmen, wie z.B. Körpergewicht kontrollieren, mehr Sport machen, weniger Salz essen, nicht rauchen und vieles andere mehr.
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Bluthochdruck ist eine Zivilisationskrankheit
Was läuft denn eigentlich schief in unserer Welt, dass mittlerweile tatsächlich so viele mit dem Bluthochdruck zu kämpfen haben?
Ja, was läuft schief? Unser Körper entsteht ja nicht, wenn er geboren wird. Sondern die Biologie des Körpers ist so alt wie das Leben an sich: 3,5 Milliarden Jahre tragen wir in unserem Erbgut mit - das Erbe des Lebens, der Lebensentstehung. Und die Biologie hat sich nicht so schnell weiterentwickelt, wie unsere zivilisatorischen, kulturellen Lebensumstände. Daraus entstehen die Zivilisationskrankheiten, das heißt die Diskrepanz zwischen dem Auseinanderentwickeln von Biologie auf der einen Seite und der Umgebung, in der wir leben, auf der anderen Seite. Bluthochdruck ist eine solche Zivilisationskrankheit.
Zu wenig Bewegung
Das heißt, wir sitzen heute einfach zu viel in unseren Büros und gehen zu wenig auf die Jagd, bewegen uns zu wenig und haben vielleicht auch bei der Ernährung einiges falsch gemacht…
... ja, ich pflege immer zu sagen, der Mensch lief – als er zum Menschen, zum Homo Sapiens wurde, sich aus der Savanne in Afrika weiterentwickelte zum Kulturwesen – zunächst vor den großen Tieren weg und hinter den kleinen Tieren her, um seine Ernährung sicherzustellen. Und das machen wir nicht mehr. Wir gehen heute irgendwo hin und kaufen etwas. Und wir kaufen Zuckerbomben und wir trinken zu süße Getränke. Wir bewegen uns nicht genug. Und in der Tat, das bekommt unserem Kreislaufsystem nicht gut.
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Detlev Ganten (re.) im Gespräch mit Ingolf Baur
In der vergangenen Woche fand der Weltgesundheitsgipfel in Berlin statt. Sie sind der Präsident, es waren viele hochrangige Wissenschaftler dabei. Generell ging es eher um globale Gesundheit. Aber auch die individualisierte Medizin war dort Thema. Gibt es da eine Verbindung und vielleicht die Hoffnung, dass man auch Bluthochdruck mit Hilfe der individualisierten Medizin besser behandeln kann?
Ja, die Genomforschung macht natürlich Riesenfortschritte, das war auch ein Thema. Wir können in Zukunft das menschliche Genom für 1000 Euro wahrscheinlich für den einzelnen Patienten sequenzieren. Daraus werden sich wichtige Hinweise ergeben für genetische Risikofaktoren und natürlich dann auch für eine individualisierte, personalisierte Medizin. Neue Medikamente können möglicherweise entwickelt werden. Entscheidend ist aber bei der personalisierten Medizin nicht nur die Hochtechnisierung, sondern auch die persönliche Verantwortung. Wenn wir eigene Risiken kennen, dann können wir uns auch sehr spezifisch natürlich darauf einstellen und selbst verantwortlich für die eigene Gesundheit sorgen. Das ist genauso wichtig, wie der medizinische Eingriff.
Bessere Vorbeugung durch Individualmedizin
Wobei individualisierte Medizin ansonsten heißt, dass man aufgrund des eigenen Genprofils vielleicht eher entscheiden kann, welche Medikamente besser wirken?
Sie können aufgrund des Genprofils bei Bluthochdruck, aber bei vielen anderen Krankheiten auch, bei Krebs zum Beispiel, ganz spezifische Medikamente auswählen, die dann auch wirken. Und in der Dosierung dann auch die richtige Wahl darstellen.
Wird man eines Tages vielleicht dazu kommen, dass man direkt nach der Geburt einen kompletten Gencheck macht, um alle Anlagen auszuloten, die vorliegen und dann entsprechend zu leben?
Es wird technisch möglich sein, aber da muss man, wie bei der anderen Apparate– und Labormedizin, natürlich darauf achten, dass kein Missbrauch betrieben wird, dass es in den richtigen Händen bleibt. Und das ärztliche Gespräch bleibt immer unersetzbar.
Interview: Ingolf Bauer
Redaktion: Ranty Islam

















