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"Anonymous" - Wer war Shakespeare?

10. November 2011

Der deutsche Filmregisseur Roland Emmerich hat einen furiosen Historienthriller über ein literarisches Thema gedreht. Dabei schneidet der bisher bekannte Shakespeare schlecht ab. Warum, das erklärt Emmerich im Gespräch.

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Jamie Campbell Bower als Edward de Vere und Joely Richardson als Prinzessin Elisabeth Tudor in einer Szene des Kinofilms Anonymus (Foto: Sony Pictures Releasing GmbH)
Szene aus "Anonymus"Bild: picture-alliance/dpa/Sony

Er ist Deutschlands erfolgreichster Hollywood-Regisseur und bisher hat er in seinen Filmen vor allem die Erde verwüstet und globale Katastrophen inszeniert. In seinem neuen Werk "Anonymous" (dt. Titel "Anonymus") geht es dagegen um die Frage "Wer war William Shakespeare?". Roland Emmerich greift damit eine zweihundert Jahre alte Debatte um die wahre Identität des Dichters auf. Emmerichs These, die sich auf historische Fakten stützt: Nicht der in Stratford upon Avon lebende Shakespeare (1564 - 1616) war der geniale Dichter, sondern dessen Zeitgenosse Edward de Vere, 17. Earl of Oxford. Emmerich hat um diese Debatte einen saftigen historischen Verschwörungsthriller gebastelt. Vor kurzem hat er seinen Film auch in Deutschland vorgestellt - wir trafen den Regisseur zum Gespräch.

Emotionale Debatte

Deutsche Welle: Die Debatte über die wahre Identität des Autors Shakespeare wird in der Wissenschaft ja mit aller Härte und sehr emotional geführt. Wie erklären Sie sich das?

Roland Emmerich: Ich glaube, das ist so emotional, weil beide Seiten natürlich behaupten, dass sie den wahren Autor kennen. Ich habe mich da ein bisschen rausgehalten, bin aber andererseits der vollen Überzeugung, dass es nicht der Mann aus Stratford upon Avon war. Ich glaube trotzdem nicht, dass man sich darüber zu sehr echauffieren sollte. Jeder hat eben seinen eigenen Kandidaten. Und so lange man über Shakespeare in irgendeiner Art und Weise diskutiert und über ihn redet, ist das doch toll! Wichtig ist es überhaupt über Shakespeare zu reden. Dieser Mann ist immerhin auch nach 400 Jahren immer noch der meistgespielte Autor der Welt.

Rafe Spall als William Shakespeare in einer Szene des Kinofilms Anonymus (Foto: Sony Pictures Releasing GmbH)
Ein harmloser, eitler Depp und Schauspieler - Rafe Spall als William ShakespeareBild: picture-alliance/dpa/Sony

Bisher sind Sie ja vor allem mit teuren Action-Filmen aufgefallen. "Anonymous" setzt auf die Kraft der Schauspieler, auf die literarische Thematik, auf das Theater. Hat Sie das an dem Projekt besonders gereizt?

Ich freue mich auf jeden Tag, an dem ich mit Schauspielern arbeite und Dialoge drehe. Das sind immer Tage, an denen ich völlig happy bin. Wenn ich Actionszenen drehe, ist es oft eher so ein Gefühl von "Oh my God – nicht schon wieder!" Denn da dreht man eigentlich nur noch die Einstellungen und Elemente, die vorher schon kreiert worden sind. Im Prinzip ist das nur noch Fleißarbeit. Aber in solchen Filmen ist es dann wiederum sehr schwierig Schauspieler zu motivieren, richtig zu spielen und das Ganze wirklich ernst zu nehmen. Das ist der Hauptjob bei Actionszenen.

Kritische Reaktionen

Welche Reaktionen auf Ihren Film haben Sie bisher erlebt - wie haben speziell diejenigen reagiert, die den "bekannten", etablierten Shakespeare aus Stratford upon Avon verteidigen?

Die verteufeln den Film natürlich. Ich glaube aber, der Film ist auf einer Unterhaltungsebene in einer gewissen Weise unangreifbar. Jeder weiß ja, dass in Filmen mit historischen Fakten nicht immer so genau umgegangen wird. Ich nehme mal als Beispiel "The Bridge on the River Kwai", einer meiner Lieblingsfilme. Aber die historische Brücke, (die im Film zerstört wird), steht heute noch. Sie ist nie in die Luft gesprengt worden!

Regisseur Roland Emmerich und Schauspieler Rhys Ifans posieren in Zürich bei einer Promoaktion für den Film "Anonymus" (Foto: dpa)
Roland Emmerich (l) mit Rhys Ifans, der im Film den Earl of Oxford spieltBild: picture-alliance/dpa

Wie ist das Verhältnis zwischen Fakten und Fiktion in Ihrem Film?

Wir haben sehr viele Fakten verwendet, die auf tatsächlichen Begebenheiten beruhen. Aber es sind aus Gründen der Dramatik auch sehr viele historische Ungenauigkeiten dabei. Ich glaube zum Beispiel, dass die Cecils (Robert Cecil, erster Staatssekretär und Vertrauter von Elisabeth I.) gar nicht so theaterfeindlich waren. Ich glaube auch, dass Essex (Earl of Essex, wurde der Verschwörung gegen die Königin verdächtigt) eine viel kompliziertere Figur war, als wir ihn im Film dargestellt haben. Ein weiteres Beispiel: Am Vorabend der Essex-Rebellion wurde damals nicht "Richard III" aufgeführt, sondern "Richard II". Aber das wäre zu kompliziert gewesen für den Film. Vieles haben wir letztlich aus dramatischen Gründen anders umgesetzt.

Vorbild Amadeus

Was war die Kernidee hinter dem Projekt? War es die Frage, wer der wahre Shakespeare war? Oder eher die Geschichte um die Verschwörungen am britischen Hof?

Ganz am Anfang des Skripts stand mehr oder weniger die Dreiecksgeschichte zwischen Oxford, Shakespeare und Ben Jonson. Das war die Kernidee. Und das Skript war zunächst sehr nahe an "Amadeus" (Film über Wolfgang Amadeus Mozart von Milos Forman aus dem Jahre 1984). Es ging um das Thema "Genie oder Nicht-Genie". Ich habe zu meinem Drehbuchautor John Orloff gesagt: "It´s too much Amadeus". Ich war der Meinung, dass wir einen Film machen müssen, der für sich alleine steht. Wir haben uns lange darüber unterhalten und ich kam schließlich zu der Überzeugung, dass "Anonymous" sich nicht in erster Linie um die Frage der Identität des Autors Shakespeare drehen sollte.

Vanessa Redgrave als Elisabeth I. in einer Szene des Kinofilms Anonymus (Foto: Sony Pictures Releasing GmbH)
Verblichener Glanz - Vanessa Redgrave in einer Paraderolle als alternde Elisabeth I.Bild: picture-alliance/dpa/Sony

Was hat Sie überzeugt, dass nicht Shakespeare der Verfasser der berühmten Dramen ist, sondern Edward de Vere?

Es handelt sich um die größte Literaturjagd aller Zeiten - aber es gibt kein einziges Manuskript oder zumindest einen Brief, der jemals gefunden worden ist und für die These spricht, dass der Mann aus Stratford upon Avon Shakespeare ist! Das ist eigentlich ein Unding. Jemand, der soviel geschrieben hat! Nicht ein einziger Brief existiert!

Shakespeare für alle

Glauben Sie, dass der Film das Interesse der Menschen an Shakespeare fördern kann?

Ich glaube, dass er einfach dafür sorgen kann, dass Menschen in einen Buchladen oder ins Internet gehen und sagen: Das gucke ich mir jetzt mal selber an! Dann werden sie entscheiden, ob sie sich mit den 'Orthodoxen' oder mit den 'Oxfordianern' oder mit wem auch immer identifizieren. So ist mir das auch gegangen.

Das Gespräch führte Jochen Kürten

Redaktion: Marlis Schaum