1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Raus aus der Isolation

9. Oktober 2011

Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Depression - einer potenziell tödlichen Krankheit. Jedes Jahr werden über 10.000 Suizide verübt, in mehr als 90 Prozent aufgrund einer psychischen Erkrankung.

https://p.dw.com/p/12n53
Symbolbild Einsamkeit, Depression - Mann geht über einen schmalen Steg am Meer (Foto: Fotolia)
Bild: Fotolia/david harding

Die Depression ist eine Volkskrankheit, trotzdem ist sie noch immer mit einem Tabu behaftet. Aufmerksam werden wir erst, wenn es Prominente trifft, wie 2009 den Fußball-Nationaltorwart Robert Enke. "Raus aus der Isolation" lautete daher das Motto auf dem 1. Deutschen Patientenkongress Depression. Mehr als tausend Teilnehmer - Patienten, Angehörige, Ärzte und Wissenschaftler - versammelten sich kürzlich im Leipziger Gewandhaus, um die Krankheit einmal aus der Perspektive der Betroffenen zu betrachten.

Thomas Müller-Rörich (Foto: Claudia Ruby/DW)
Thomas Müller-RörichBild: DW

Einer von ihnen ist Thomas Müller-Rörich, der in Leipzig selbstbewusst auf dem Podium steht und über seine Erfahrungen berichtet. Tausend Augenpaare richten sich auf ihn. Während seiner Krankheit wäre ein solcher Auftritt für ihn völlig unvorstellbar gewesen. Vier Jahre lang litt der selbständige Unternehmer an schweren Depressionen. Mehrfach ließ er sich in eine Klinik einweisen. Angefangen hatte alles ganz harmlos. Nach den Weihnachtsferien fühlte er sich unwohl. Obwohl er immer gerne gearbeitet hat, kann er sich nicht vorstellen, in die Firma zu gehen. "Ich hatte Angst, wusste aber nicht wovor", erzählt Müller-Rörich. Er sucht Hilfe bei seinem Hausarzt - nicht einmal, sondern immer wieder. Doch die Untersuchungen bleiben ohne Ergebnis, der Arzt merkt nicht, was mit seinem Patienten los ist.

Modediagnose Burnout

Etwa zehn Prozent der Patienten, die einen Hausarzt aufsuchen, leiden an einer unerkannten Depression, schätzen Experten. Handelt es sich um Menschen, die beruflich stark eingespannt sind, ist allenfalls von einem Burnout die Rede. Der Burnout ist akzeptiert. Er ist fast so etwas schon eine Auszeichnung für diejenigen, die zuvor alles gegeben haben. Die Krankheit, die eigentlich dahinter steckt - die Depression - ist jedoch noch immer mit Tabus behaftet. "Nicht jede Depression ist ein Burnout, aber jeder Burnout ist eine Depression", sagt Ulrich Hegerl, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Leipzig. Burnout ist ein Modewort, das die eigentliche Problematik verschleiert. "Der Begriff suggeriert, dass man nur einmal richtig ausschlafen muss, vielleicht in den Urlaub fahren muss", sagt er: "Doch bei einer Depression hilft das nicht, denn die Krankheit reist mit." Was als Burnout begonnen hat, kann so zu einer schweren Depression werden.

Ernest Hemingway (Foto: AP)
Prominenter Patient: Schriftsteller Ernest HemingwayBild: AP

Die Depression ist eine Krankheit, die es in allen Kulturen gibt, und zwar - erstaunlicherweise - mit einer sehr ähnlichen Häufigkeit von 5 bis 15 Prozent der Bevölkerung. Nach den Prognosen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird die Depression im Jahr 2020 die zweithäufigste Krankheitsursache weltweit sein. Allein in Deutschland verursachte sie im Jahr 2008 Kosten von 22 Milliarden Euro – Arbeitsausfall, Medikamente, Klinikaufenthalt, Frühverrentung und Psychotherapie. Das entspricht einem Anstieg von fast 30 Prozent in nur fünf Jahren. Depressionen gelten als Risikofaktor für Herz-Kreislauferkrankungen, für Diabetes, Demenz und Infektionen. Die Krankheit dürfte schon so alt wie die Menschheit selbst sein. Prominente Erkrankte waren zum Beispiel Ludwig van Beethoven, Albrecht Dürer, Napoléon Bonaparte, Winston Churchill, Vincent van Gogh, Ernest Hemingway und Albert Camus.

Depression - Ursache unbekannt

Jeder kennt Trauer und Missstimmung. Und nicht jede depressive Phase ist eine behandlungsbedürftige Krankheit, doch die Übergänge zwischen noch gesund und schon krank sind fließend. Noch gibt es keinen Labortest, der eine Depression eindeutig nachweist. Fragebögen und die Einschätzung von Patienten und Ärzten zeigen jedoch eindeutig: Eine Depression ist mehr als schlechte Stimmung und eine vorübergehende Erschöpfung. Während der Krankheit hat Thomas Müller-Rörich das Gefühl, dass sich sein ganzes Leben wie Treibsand anfühlt: "Es zieht dich immer weiter hinein. Selbst einfache Sachen wie das morgendliche Zähneputzen waren eine Herausforderung." Viele Teilnehmer des Leipziger Kongresses kennen das aus eigener Erfahrung. Fast alle haben zunächst versucht, ihre Krankheit alleine in den Griff zu bekommen. Eine enorme Belastung - nicht nur für den Patienten sondern auch für die Angehörigen. "Eine Depression ist keine Befindlichkeitsstörung, sondern eine schwere Erkrankung, die von Experten behandelt werden sollte", sagt Professor Hegerl.

Thomas Müller-Rörich (2.v.r.) mit anderen Diskussionsteilnehmern und dem Moderator der Veranstaltung, Harald Schmidt (Foto: Claudia Ruby/DW)
Thomas Müller-Rörich (2.v.r.) mit anderen Diskussionsteilnehmern und Moderator Harald SchmidtBild: DW

Doch wie sieht die richtige Behandlung aus? Seit Ewigkeiten wird über die Ursachen von Depressionen gestritten: Handelt es sich um eine seelische Erkrankung, deren Ursprung vor allem in der Lebensgeschichte des Betroffenen liegt? Oder hat die Depression organische Ursachen, handelt es sich etwa um eine Funktionsstörung des Gehirns? Der Streit hat weitreichende Konsequenzen, denn im ersten Fall wäre eine Psychotherapie die richtige Behandlung, im zweiten Fall kämen vor allem Medikamente zum Zug. Psychotherapeuten und Psychiater debattieren nicht nur über das richtige Menschenbild, sie führen Verteilungskämpfe. Bei der Behandlung der Depression geht es um viel Geld.

Häufig wird der Streit auf dem Rücken der Patienten ausgetragen. Viele Therapeuten lehnen Medikamente grundsätzlich ab, und nicht wenige Psychiater sind der Meinung, dass Tabletten alleine völlig ausreichten. Patienten, die Hilfe von beiden Seiten suchen, werden allein gelassen. Dabei sind die Leitlinien mittlerweile eindeutig: Leichte und mittlere Depressionen sind zuallererst mit einer Psychotherapie zu behandeln, bei schweren Depressionen braucht es zusätzlich Antidepressiva. Körper und Seele sind zwei Seiten derselben Medaille. Die Ursachen einer Depression liegen in den Genen und in der Lebensweise, im Hirnstoffwechsel und in der Lebensgeschichte der Betroffenen.

Mehr Aufmerksamkeit

Kongressbesucher im Leipziger Gewandhaus (Foto: Claudia Ruby/DW)
Kongressbesucher im Leipziger GewandhausBild: DW

In Leipzig kommen Ärzte und Betroffene miteinander ins Gespräch. Man ist nett zueinander, doch es wird auch über die Probleme gesprochen, die es bei der Behandlung der Depression gibt - zum Beispiel über die langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz. "Das ist unser größtes Problem", sagt Thomas Müller-Rörich, der seine Krankheit überwunden hat und sich mittlerweile in der Deutschen Depressions-Liga engagiert. Eine Umfrage der Selbsthilfeorganisation hat ergeben, dass die Betroffenen bis zu sechs Monate auf einen Therapieplatz warten müssen. "Das ist eine unzumutbare Situation", sagt auch Ulrich Hegerl, "eine akute Depression ist ein Notfall." Wenn Patienten nicht behandelt werden, steigt das Suizidrisiko, viele gehen in die Klinik, nur um die lange Wartezeit zu überbrücken.

Patienten und ihre Ärzte ziehen hier am selben Strang. Sie fordern mehr Mittel für die Behandlung der Depression. Psychische Erkrankungen bekommen längst nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie zum Beispiel Herzinfarkt oder Krebs. "Raus aus der Isolation" das ist die entscheidende Botschaft, die in Leipzig immer wieder zu hören ist. Der erste Patientenkongress ist ein Schritt in diese Richtung.

Autorin: Claudia Ruby
Redaktion: Andreas Sten-Ziemons