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Stichwort | 09.02.2009

Vergessen

 

Haben Sie schon mal gegen ein Kind "Memory" gespielt? Und garantiert verloren, nicht wahr? Kinder haben meist ein ausgezeichnetes Gedächtnis und vergessen selten etwas – im Gegensatz zu uns Erwachsenen ...

 

Wenn etwas vergessen wird, ist das im Allgemeinen unangenehm, ja mitunter peinlich. Andererseits ist das Vergessen auch ein Schutzmechanismus, etwas Gutes. Psychologen können genau erklären, weshalb. Wir aber wenden uns der sprachlichen Dimension von "vergessen" zu.

Akkusativ oder Genitiv?

Das Verbum "vergessen" steht in seinen konjugierten Formen am häufigsten mit einem Akkusativobjekt in Verbindung. Banales, aber gleichermaßen vertrautes Beispiel: "Ich habe meine Schlüssel vergessen." Oder: "Wir dürfen auf keinen Fall Tante Gerdas Geburtstag vergessen." Dieser – wie es in den Grammatiken heißt – transitive Gebrauch ist verhältnismäßig jung.

 

Bis ins 18. Jahrhundert standen die "Objekte des Vergessens" im Genitiv. Besonders in der Literatur hielt sich dieser Gebrauch recht lange. So findet sich beispielsweise in einem Text des schwäbischen Dichters Ludwig Uhland von 1812 die Formulierung: "Nun, armes Herz, vergiss der Qual."

 

Kurze Etymologie

 

Die Hauptbedeutung von "vergessen" ist im heutigen Sprachgebrauch "aus dem Gedächtnis verlieren". Man kann aber auch sagen, "vergessen" bedeutet "nicht mehr an etwas denken." In diesem Zusammenhang lohnt ein kleiner Blick auf die Geschichte, die sprachliche Wurzel unseres Stichworts.

 

"Vergessen" stammt vom germanischen "get" ab. Dieses "get" hatte in wörtlichem wie in bildhaftem Gebrauch die Bedeutung von "erreichen", "fassen", "ergreifen". Diese ursprüngliche Bedeutung ist durch die Vorsilbe "ver-" ins Gegenteil verkehrt. So entstand wahrscheinlich aus "ver-get" im Mittelhochdeutschen "Vergezzen", das schließlich zu unserem heutigen "vergessen" geworden ist. "Vergessen" heißt also streng genommen "nicht erreichen", "nicht fassen", "nicht ergreifen". Oder, und dies ist entscheidend, "aus seinem Besitz verlieren."

 

Wer vergisst, muss nicht vergesslich sein

 

Das hört sich alles reichlich theoretisch an. Nur: "Ich habe ihn im Lauf der Jahre ganz vergessen", heißt ja, dass ich ihn aus dem Gedächtnis, meinem gedanklichen Besitz, verloren habe. Und noch etwas: An den Sätzen "ich habe nicht daran gedacht" und "ich habe es vergessen" – beide sind gleichbedeutend – lässt sich in ihrer Gegenüberstellung zeigen, dass die Vorsilbe "ver-" als Negation funktioniert. Ganz wie in ver-laufen, ver-lieren, ver-unstalten und so weiter.

 

Aber zurück zum Stichwort. "Vergessen" heißt auch "etwas nicht mehr empfinden". "Alle Müdigkeit war vergessen, als wir endlich bei unseren Freunden angekommen waren." Oder: "Er schien vergessen zu haben, dass sie ihn noch vor ein paar Minuten vor allen Leuten lächerlich gemacht hatte." In diesen Beispielen hat "vergessen" nichts mit dem zu tun, was wir als "Vergesslichkeit" bezeichnen.

 

Vom Kurz- und Langzeitgedächtnis

 

Nicht zwangsläufig, aber vorwiegend im Alter lassen die Gedächtnisleistungen des Gehirns, vor allem die des Kurzzeitgedächtnisses, nach. Die ständige Suche nach Auto- und Wohnungsschlüssel, der Brille ist allerdings auch bei jüngeren Leuten häufiges Indiz akuter Vergesslichkeit: Sie haben vergessen, wo sie diese Alltagsutensilien hingelegt haben.

 

"Ich kann mir nicht merken, wo …" heißt: "Ich vergesse immer, wo …" Und das bedeutet: Ich bin vergesslich und möglicherweise werde ich immer vergesslicher. Merkwürdigerweise scheint das Langzeitgedächtnis einen zuverlässigeren Speicher zu haben. Einschneidende Erlebnisse, aber auch Winzigkeiten werden über Jahrzehnte in Erinnerung behalten, also nicht vergessen.

 

Nicht zu vergessen: eine kleine blaue Blume

 

Die Redewendung: "Das werde ich ihr/ihm nie vergessen", drückt zum einen aus, dass irgendetwas von so großer Bedeutung war, dass es eben nicht vergessen wird. Zum anderen kann dieses "Etwas" positiv oder auch negativ gewesen sein. Im ersten Fall wäre also das Nicht-Vergessen eine Form der Dankbarkeit, im zweiten ein Nachtragen, alles andere als eine gute Erinnerung an die erinnerte Person. Da hilft auch die wohlmeinende Aufforderung: "Vergiss es", oder: "Vergessen Sie’s" nicht. Bis ins 18. Jahrhundert und darüber hinaus standen die Objekte des Vergessens im Genitiv, haben wir gesagt. Am Schluss dieses Stichworts soll eine kleine blaue Blume stehen, die heißt "Vergissmeinnicht".

 

 

Fragen zum Text:

 

Welche dieser Aufforderungen war zu keiner Zeit grammatisch richtig?

1.  Vergiss des Ärgers!

2.  Vergiss dem Ärger!

3.  Vergiss den Ärger!

 

Bei dem Verb "vergessen" fungiert die Vorsilbe "ver-" als …?

1.  Negation

2.  Betonung

3.  Verdopplung

 

Was lässt im Alter als erstes nach?

1.  das Personengedächtnis

2.  das Zahlengedächtnis

3.  das Kurzzeitgedächtnis

 

 

Arbeitsauftrag:

Spielen Sie zum Erlernen neuer Vokabeln ein Gedächtnisspiel, etwa indem eine bestimmte Anzahl von Abbildungen/Begriffen für kurze Zeit zum Einprägen gezeigt und dann wieder entfernt bzw. verdeckt wird. Bei den nächsten Präsentationen wird jeweils die Reihenfolge geändert und eine Abbildung/ein Begriff weggelassen. Die Kursteilnehmer müssen den fehlenden Begriff benennen.

 

Michael Utz

 

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