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Verantwortungslose Regierungen

Ulrike Mast-Kirschning6. Juli 2004

AIDS hat sich längst zur globalen Gesundheitskrise entwickelt. Der am Dienstag (6.7.) in London vorgelegte Jahresbericht von UNAIDS zeigt das wieder einmal deutlich. Ein Kommentar von Ulrike Mast-Kirschning.

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Alle zehn Sekunden stirbt ein Mensch an AIDS. Alle sechs Sekunden wird ein weiterer Mensch mit AIDS infiziert. Auch wenn die Versuche, einen Impfstoff gegen das AIDS-Virus zu entwickeln, bislang nicht erfolgreich waren - das Wissen, wie sich die weltweit auftretende Epidemie eindämmen ließe, ist da: Aufklärung, Vorbeugung und Verhütung sowie eine angemessene medizinische Versorgung der Infizierten - mit solchen Vorgehensweisen gibt es punktuelle Erfolge im Kampf gegen AIDS.

Mangelnder politischer Wille

Um dieses Wissen in weltweites Handeln umzusetzen, braucht es mehr Geld und entsprechende Programme. Es braucht demokratische Verhältnisse, die es einer Zivilgesellschaft ermöglichen, sich zu beteiligen. Es braucht die Kooperation der Pharmaindustrie. Und es braucht vor allem den politischen Willen der Regierenden. Besonders daran fehlt es jedoch.

Dem russischen Präsidenten Vladimir Putin wird nachgesagt, ihm sei das Wort AIDS bislang noch nicht einmal über die Lippen gekommen. Dabei ist Russland derzeit das Land mit der am schnellsten wachsenden Infektionsrate. Die zunehmende Ausbreitung von AIDS in Russland und Asien war vor wenigen Tagen erst Anlass für einen Appell der Weltbank, das Problem dort nicht länger zu verleugnen.

Weder in Afghanistan oder Sri Lanka, noch in Indien oder Nepal haben die Regierungen bislang eine ernsthafte Strategie im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit entwickelt. Dabei steht die Epidemie hier erst am Anfang.

Aber auch die westlichen Regierungen halten sich zurück. Zugesagte Zahlungen an den auf Anregung der Vereinten Nationen gegründeten "Global Fund" werden nicht geleistet. Statt der jährlich nötigen zehn Milliarden Dollar ist in drei Jahren lediglich ein Viertel der Summe zusammengekommen.

AIDS in Afrika

Für das Wegschauen haben die südlichen Länder Afrikas bereits einen hohen Preis bezahlt: Ganze Straßen, Dörfer und Landstriche sind entvölkert, weil ihre Einwohner dem Virus zum Opfer fallen. Junge Menschen sind, kaum dass sie ihre Ausbildung beendet haben, krank und pflegebedürftig. Kinder werden von betagten Großeltern großgezogen, weil ihre Eltern schon tot sind. Das AIDS-Virus hat die Gesellschaften verändert, Volkswirtschaften geschwächt und die Ausbreitung der Armut beschleunigt.

Auch wenn Afrika nach wie vor die traurigen Statistiken mit den absoluten Zahlen der Infizierten anführt: Die Immunschwächekrankheit AIDS hat sich längst zu einer globalen Gesundheitskrise entwickelt. Mit den Programmen und Konzepten von Weltgesundheitsorganisation und UNAIDS könnten und müssten die Regierungen weltweit intervenieren.

Regierungen zahlen nicht genug

Aber die amerikanische Regierung unter Präsident George W. Bush beispielsweise negiert die Programme aus Rücksicht auf konservative Wählerschichten. Der deutsche Bundeskanzler setzt seine Zahlungen in den Global Fund mit Hinweis auf die leeren Kassen in Berlin aus. Die chinesische Bürokratie konzentriert sich weiterhin auf die Vertuschung des Problems. Und viele andere haben ebenfalls Gründe, nichts zu unternehmen.

Dabei tun sie alle etwas: Sie gehen ein enormes Risiko ein. Und dieses steigt Tag für Tag, Stunde für Stunde. Um genau zu sein: alle sechs Sekunden. Den Preis für diese Risikostrategie zahlen am Ende alle: Die verheerenden Folgen treffen nicht nur die individuell von der Krankheit Betroffenen. Sie werden nicht einmal auf Länder und Gesellschaften eingrenzbar bleiben. Die Eskalation der AIDS-Epidemie wird das Zusammenleben auf dem Globus nachhaltig verändern.