1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Streit um Atomstrom in Europa

Klaudia Prevezanos4. April 2006

Der Energiegipfel von Kanzlerin Angela Merkel wollte den Startschuss für ein neues energiepolitisches Gesamtkonzept geben. Atomstrom ist wieder in der Debatte. Er gilt als billig und sicher - oder nicht?

https://p.dw.com/p/8C3u
Das Atomkraftwerk BiblisBild: AP

Atomenergie ist nicht nur in Deutschland eine sensible und emotionale Angelegenheit, erst recht kurz vom dem 20. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986. Die aus Brennelementen gewonnene Energieform hat einige Vorteile, aber auch diverse Nachteile, die die Debatte bestimmen.

Wie lange reichen die Uran-Vorräte?

"Atomenergie bietet als Vorteil eine große Versorgungssicherheit", sagt Christopher Weßelmann. Er ist Chefredakteur der Fachzeitschrift "ATW Atomwirtschaft" der deutschen Nuklearbranche. "Atomkraftwerke können viele Jahrzehnte laufen und es ist ausreichend Uran für die nächsten 60 Jahre vorhanden", meint er. Die bereits entdeckten aber noch nicht erschlossenen Uranvorkommen würden sogar bis zu 400 Jahre reichen. Versorgungssicherheit ist auch einer der drei Faktoren, an denen die Internationale Energieagentur (IEA) eine gute Energiepolitik misst. Wirtschaftswachstum und Umweltschutz gehören für die IEA, die 26 Ölverbraucherländer vertritt, ebenfalls dazu.

Atomkraftwerk in Finnland
Das Atomkraftwerk in Loviisa im Süden von Finnland (1988)Bild: dpa - Bildarchiv

Henrik Paulitz hält 60 Jahre für zu großzügig berechnet, aber auch 20 Jahre mehr oder weniger findet er unrelevant. "Uran ist ein endlicher Rohstoff", sagt der Koordinator des Arbeitsbereichs Atomenergie bei der deutschen Sektion der Anti-Atom-Organisation "Ärzte gegen den Atomkrieg" (IPPNW – International Physicians for the Prevention of Nuclear War). "Eine Strukturentscheidung für Atomenergie betrifft ganze Generationen", sagt er. Uran-Abfälle strahlen mehrere hunderttausend Jahre. Dass bei der Erzeugung von Atomstrom weniger Kohlendioxid CO2 entsteht als mit fossilen Brennstoffen wie Öl oder Gas fällt für ihn dabei wenig ins Gewicht.

Problem Atommüll-Endlager

Für stark radioaktiven Abfall gibt es weltweit bislang kein Endlager. Im deutschen Gorleben soll einmal eines in Betrieb gehen. Auch Finnland ist laut Weßelmann von der "ATW Atomwirtschaft" in der Erkundung und mit Probebohrungen für ein Endlager recht weit. Schweden, die Schweiz und Frankreich haben zumindest angefangen, sich über geeignete Standorte Gedanken zu machen. "In den nächsten 10 bis 20 Jahren wird das erste Endlager in Europa in Betrieb gehen", zeigt sich Weßelmann zuversichtlich. Schacht Konrad, über dessen Nutzung es erst Anfang März 2006 ein Gerichtsurteil gegeben hat, ist für schwach radioaktiven Abfall vorgesehen.

Atomkraftwerk, Querschnitt, Grafik, Flamanville
Querschnitt durch das französische AKW FlamanvilleBild: AP

Die Sicherheit des Kraftwerksbetriebes ist ebenfalls ein entscheidender Faktor beim Atomstrom. "Es gibt keine 100prozentige Sicherheit bei Atomkraftwerken", sagt Chefredakteur Weßelmann von der Nuklearbranche. "Aber man kann sie so gestalten, dass mögliche Auswirkungen eines katastrophalen Unfalls auf die Anlage beschränkt bleiben."

Ein Drittel Atomstrom in Europa

Weltweit sind 444 Atomkraftwerke (AKW) in Betrieb, davon 204 in Europa. Gebaut werden derzeit 23 neue AKW, davon fünf in Europa: drei in Russland und je eines in Rumänien und Finnland. Pläne für neue AKW gibt es in Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und den drei Baltenrepubliken. Weltweit beträgt der Anteil des Atomstroms an der Stromerzeugung 16 Prozent. In Europa ist es mit einem Drittel deutlich mehr. In Deutschland lag der Anteil 2005 laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung bei mehr als 26 Prozent.

Strommast
Wie kommt der Strom in die Leitungen?Bild: AP

Wie wirtschaftlich eine Atomanlage arbeitet, hat ebenfalls darauf Einfluss, wie viel ihrer erzeugten Energie nachgefragt wird. Die Atomlobby bezeichnet Kernenergie selbst als eine der preiswertesten Möglichkeiten der Energieversorgung. "Atomenergie ist in Deutschland hoch privilegiert und subventioniert", sagt hingegen Paulitz von der IPPNW. "Uran kann steuerfrei beschafft werden, die Risikorückstellung ist steuerfrei und der Versicherungsschutz unzureichend und darum zu billig", zählt der Atomkritiker auf. Laut einem Gutachten sollen nur 0,1 Prozent des erwarteten Schadensfalls versichert sein. Für die Endlagerung des Atommülls muss die Allgemeinheit aufkommen. "Das sind alles Kosten der Atomenergie, die nicht im Preis für Atomstrom berücksichtigt sind", so Paulitz. Statt einiger Cent Erzeugerkosten pro Kilowattstunde Atomstrom müsste der Preis bei über zwei Euro liegen, würde man diese Kosten mit einrechnen.

Einsparung, Effizienz, Erneuerbarkeit

Für Paulitz liegt die Lösung für die Energieversorgung darin, Energie deutlich zu sparen. Auch die IEA geht von einem Einsparpotenzial von bis zu 20 Kraftwerken aus, verteilt über die 30 Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Zusätzlich könnte laut IEA durch einen effizienteren Einsatz der Energiebedarf weltweit um 15 Prozent gesenkt werden. Erneuerbare Energien wie Sonne, Wind oder Wasser müssten laut Paulitz zudem endlich ernsthaft gefördert und genutzt werden.

Zumindest am Anteil der Atomenergie in Europa wird sich wohl in den nächsten zwei Jahrzehnten wenig ändern. "Ein Drittel ist im Energiemix eine ganz gute Größe", meint etwa Weßelmann von der Fachzeitschrift "ATW Atomwirtschaft". Auch Paulitz von der IPPNW erwartet keine großen Veränderungen in der europäischen Atomwirtschaft.