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PEN-Kongress: "Schreiben in friedloser Welt"

Aya Bach23. Mai 2006

Prominente Köpfe schmückten die Eröffnung des Internationalen PEN-Kongresses in Berlin. Sie zeichneten ein historisches Panorama des Krieges - und sparten nicht mit politischer Kritik.

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Das politische und das literarische OberhauptBild: AP

Mit Bundespräsident Horst Köhler und Nobelpreisträger Günter Grass waren die politischen und das literarischen Oberhäupter Deutschlands gekommen. Sie sprachen zum Auftakt der Tagung, die zum ersten Mal nach zwanzig Jahren wieder in Deutschland stattfindet. Autoren aus aller Welt sind nach Berlin gekommen, um auf ihrer Tagung das Thema "Schreiben in friedloser Welt" zu erörtern.

Eine friedliche Rolle haben Autoren nicht immer gespielt: Von der Antike über den Dreißigjährigen Krieg bis zu den Konflikten der Gegenwart stehen Heldengesänge neben Klagen über Zerstörung und Verlust. Und hätten die Musen im Krieg geschwiegen, wäre weltweit wenig Literatur entstanden. Denn die Geschichte war immer reicher an Kriegszeiten als an Friedensphasen.

72. PEN-Weltkongress in Berlin Strasser und Grusa
Jiri Grusa (r), Präsident des PEN-Clubs International und Johano Strasser (l)Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Und heute? Die Hoffnung auf Frieden nach dem Ende des Ost-West-Konflikts hat sich längst als Illusion erwiesen, wie Johano Strasser, Präsident des deutschen PEN-Zentrums, betonte. Denn vom Balkan bis Afghanistan, von Kongo bis zum Kaukasus spannt sich das mörderische Szenario. Neuerdings immer öfter im Namen Gottes. "Mit Verwunderung und zunehmender Beunruhigung registrieren wir heute, dass Religionskriege, wie wir sie in Europa im 16. und 17. Jahrhundert erlebten, keineswegs - wie wir vorschnell glaubten - der Vergangenheit angehören", sagte Strasser. "Nicht nur islamische, sondern auch christliche, jüdische und hinduistische Eiferer predigen heute wieder heilige Kriege, um die Welt mit Feuer und Schwert von allen Ungläubigen zu säubern."

Ein weites Einsatzgebiet also für den PEN. Aber dass sich der Frieden mit gutem Willen herbei schreiben lässt, der naiven Vorstellung erlag hier niemand. "Kann man behaupten, dass das Schreiben eine friedliche Angelegenheit ist? Der Schreibplatz eines Schriftstellers ist der Streitplatz der Bedeutungen", sagte Jiri Grusa, Präsident des internationalen PEN. "Hier soll niemand Frieden stiften und Deutungshoheit beanspruchen, denn die im semantischen Raum offen zu halten, ist nicht nur die Herausforderung, sondern der Sinn unserer Arbeit."

"Hybris einer einzigen Großmacht"

Literaturnobelpreisträger Günter Grass lieferte denn auch keine friedlichen Worte, sondern eine zugespitzte Konfliktanalyse zur politischen Entwicklung nach Ende des Kalten Krieges - mit deutlichen Worten Richtung den USA. "Gegenwärtig sind wir - was sich nicht als Gewinn erwiesen hat - nur noch der Hybris einer einzigen Großmacht ausgeliefert, die auf der Suche nach einem neuen Feind fündig geworden ist. Den von ihr mitverschuldeten, weil - siehe Bin Laden - gezüchteten Terrorismus will sie mit Waffengewalt besiegen", sagte Grass. "Doch der von ihr gewollte und die Gesetze der zivilisierten Welt missachtende Krieg fördert den Terror und kann nicht enden."

Dass Schriftsteller in dieser Lage einen Beitrag zur Verständigung leisten können - dieser frommen Hoffnung gab sich auch Grass nicht hin. Was also bleibt? "Wir Schriftsteller sind Leichenfledderer, wir leben von Fundsachen, so auch von den rostigen Hinterlassenschaften des Krieges. Längst überbaute Schlachtfelder und Trümmerhalden suchen wir heim und finden den hinterlassenen Uniformknopf, die wundersam heil gebliebene Puppe aus Zelluloid. Reste wie diese erzählen uns vom zerfetzten Soldaten, vom verschütteten Kind."

"Für die Freiheit der Sprache"

Schreiben gegen das Vergessen - mehr ist vielleicht nicht möglich in einer friedlosen Welt. Doch das können nur die einzelnen Autoren tun. Der PEN wird sich auf seiner Tagung mit Appellen begnügen müssen. Die immerhin werden diesmal auf erhöhte politische Aufmerksamkeit stoßen. Bundespräsident Köhler jedenfalls betonte in seiner Eröffnungsrede die besondere Verantwortung Deutschlands. "Wenn Deutschland die Kulturnation ist, als die es sich wieder begreift, dann müssen gerade wir unermüdlich für die Freiheit der Sprache, der Kunst, der Kultur eintreten uns kämpfen, und ich bin deshalb froh und dankbar, dass der deutsche PEN sich gerade hier so stark engagiert."