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Schmutziger Krieg

28. August 2008

Russland und Georgien begingen einen großen Fehler, wenn sie sich gegenseitig Völkermord vorwerfen, meint die Expertin von Human Rights Watch, Tatjana Lokschina. Sie kritisiert den Einsatz von Streumunition.

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Expertin von Human Rights Watch Tatjana Lokschina.Bild: DW/Sergey Morozov

DW-Russisch: Frau Lokschina, Sie waren in der südossetischen Provinzhauptstadt Zchinwali. Was haben Sie da gesehen?

Tatjana Lokschina: Es ist sehr schade zu sehen, was von Zchinwali übrig geblieben ist. Die Stadt wurde zwar nicht gänzlich ausgelöscht, wie zum Beispiel Grosnij, aber die Innenstadt und die Südstadt sind sehr zu Schaden gekommen. Es ist furchtbar zu erleben, in welche Ruinen der Krieg heutzutage eine Stadt innerhalb von drei Tagen Gefechtseinsatz verwandeln kann. Die Bewohner, die in der Stadt unter Granatfeuer gerieten, haben eine schwere Situation erlebt, die angsterfüllt war und nicht so schnell vergessen sein wird.

Georgien behauptet, dass sie zu Gefechten gezwungen gewesen seien, nachdem georgische Dörfer von Südossetien aus beschossen wurden. Hat Georgien Recht?

Offensive Kriegshandlungen in Südossetien gingen sicher von Georgien aus. Als wir die Region besuchten, haben wir Dutzende von Zivilpersonen interviewt, die es nicht schafften, die Stadt Zchinwali zu verlassen. Alle Menschen, die einige Tage unter dem Bombardement lagen, berichten sehr genau und präzise darüber, wie kurz vor Mitternacht am 7. August der Artilleriebeschuss anfing und wie lange dieser dauerte. Wir stellten den Einsatz der Raketenwerfer "Grad" fest. Deren Anwendung ist überall dort streng verboten, wo Zivilisten leben. Dieses Raketensystem gehört zum Arsenal der georgischen Artillerie. Augenzeugen beschrieben das Explosionsgeräusch, das unwechselbar ist. Sie schilderten auch, aus welchen Richtungen die Geschosse einschlugen. Wir haben Teile der Raketen in Zchinwali gesehen, wir machten viele Bilder und führten viele Interviews.

Der georgische Präsident hat erklärt, dass die Zerstörungen in Zchinwali durch russische Truppen verursacht worden seien.

Als die russischen und georgischen Truppen in der Stadt direkt aufeinander trafen, kam es zu zerstörerischen Auseinandersetzungen. Aber es ist unstatthaft zu behaupten, dass Russland die ganze Stadt zerbombt habe. Nach unseren Erkenntnissen ist Georgien dafür hauptsächlich verantwortlich.

Haben Sie Informationen, dass Russland Kassettenbomben und andere durch Völkerrechtsnormen verbotene Waffen eingesetzt hat?

Unsere Mitarbeiter, die seit dem Anfang des Konflikts in der Region arbeiten, haben genug Information, um sagen zu können: Russland setzte sowohl den Raketenwerfer "Grad" als auch Kassettenbomben ein. Human Rights Watch hat vor kurzer Zeit einen speziellen Medienbericht veröffentlicht, in dem dieses Thema zu Sprache kam.

Nach Angaben Russlands sind in Südossetien möglicherweise bis zu 1.600 Zivilpersonen ums Leben gekommen. Stimmt diese Zahl?

Es wundert mich sehr, wenn ich solche Behauptungen höre. Am 20. August hat ein Ausschuss der russischen Staatsanwaltschaft Zahlen zu den Toten in Südossetien veröffentlicht. Nach diesen vorläufigen Schätzungen sind 133 Zivilpersonen ums Leben gekommen. Man muss allerdings dabei sagen, dass die südossetische Bürgermiliz keinen Militärstatus hat. Deshalb ist anzunehmen, dass unter diesen 133 Toten auch einige Angehörige der Bürgermiliz sind. Die Zahl der toten Zivilisten kann sich auf Dutzende beziffern, aber nicht auf Hunderte oder gar Tausende. Die Ergebnisse des Ausschusses der Staatsanwaltschaft Russlands stimmen mit den Ergebnissen unserer Organisation überein.

Russland und Georgien werfen sich gegenseitig Völkermord vor. Wie berechtigt sind diese Vorwürfe?

Meiner Meinung nach begehen Georgien und Russland einen großen Fehler, wenn sie sich gegenseitig mit solchen Vorwürfen konfrontieren. Der Völkermord ist ein schweres internationales Delikt. Um dieses zu beweisen, müssen sehr umfangreiche und komplizierte Ermittlungen geführt werden. Ohne diese Ermittlungen gibt es keine Berechtigung, von einem Völkermord zu sprechen.

Das Gespräch führte Wladimir Sergejew