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China will mit Elektroautos Europa erobern

Klaus Ulrich
14. Oktober 2022

Auf dem heimischen Markt - immerhin der größte weltweit - belegen sie bereits Spitzenpositionen. Jetzt wollen chinesische Hersteller mit Elektroautos den Durchbruch auch in Deutschland schaffen. Kann das gelingen?

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Präsentation des Elektroautos NIO eT7 auf der Messe Auto Shanghai 2021
Nio ET7: Präsentation auf der Messe Auto Shanghai 2021Bild: Chen Jianli/Xinhua/picture alliance

Für so manchen wäre das ein Traumauto: 653 PS, 850 Newtonmeter Drehmoment, 0-100 km/h in 3,9 Sekunden, rein-elektrischer Allradantrieb, Reichweite je nach Akku-Leistung 500-700 Kilometer, Grundpreis 69.900 Euro.

Die Rede ist von der neuen Spitzenlimousine ET7 des chinesischen Elektroauto Herstellers Nio (Artikelbild). Die ersten Exemplare sollen in Europa noch im Oktober ausgeliefert werden. Bestellbar sind der SUV Nio EL7, dessen Auslieferungen im Januar erfolgen und später dann der kleinere Nio ET5, Konkurrenz für Teslas Mittelklasse-Modell 3.

Neu in Europa ist auch das Konzept der Batteriewechselstationen, dass Nio parallel zum Vertrieb an den Start bringt. Wer nicht per Kabel laden möchte, kann dort den leeren Akku gegen ein volles Exemplar austauschen lassen, was nur wenige Minuten dauern soll. Bislang gibt es zwar erst eine einzige Wechselstation in Deutschland, und zwar in Bayern an der Autobahn A8, bis Ende des Jahres sollen aber 19 weitere dazu kommen, 2023 dann noch einmal 100.

Crashtest-Desaster mit dem Landwind

Chinesische Autos, da war doch was? Richtig: Vor 17 Jahren endete der Versuch chinesischer Hersteller, in den europäischen Markt einzutreten, mit einem Desaster, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte. Ein Geländewagen der Marke Landwind versagte im ADAC-Crashtest komplett, der Imageschaden war verheerend.

Doch das ist lange her und jetzt werden die Karten neu gemischt. So hat der Autovermieter Sixt kürzlich einen spektakulären Deal angekündigt: Bis 2028 will der Münchener Branchenriese 100.000 Elektroautos beim chinesischen Hersteller BYD bestellen, die ersten werden bereits dieses Jahr erwartet.

Sixt kauft bei BYD in großem Stil

Für BYD ein wichtiger Schritt nach Europa. Denn das Unternehmen, das bereits zu den größten Batterieherstellern der Welt gehört, könnte mittelfristig auch zum größten Elektroauto-Produzenten aufsteigen und Tesla von der Spitze verdrängen.

 E-Taxi von BYD fährt auf einer Straße in Shenzen, China.
Ein E-Taxi von BYD in Shenzen, China.Bild: DW

Neben BYD und Nio sind Konzerne wie SAIC, Geely und Great Wall Motors oder Startups wie Xpeng auf dem Sprung. Fachkreise gehen davon aus, dass fast 20 chinesische Automarken demnächst in Europa am Start sein könnten. Ihr Vorteil: Sie produzieren munter drauflos in unterschiedlichen Fahrzeugklassen, während die großen europäischen Autobauer - darunter auch die deutschen Platzhirsche - Elektrofahrzeuge meist nur im oberen Preissegment anbieten und außerdem wegen Problemen der Lieferketten unter Teile- und Chipmangel leiden, was zu Produktionsausfällen führt.

Ernsthafte Konkurrenz aus Fernost?

Aber können die Chinesen wirklich zu einer ernsthaften Konkurrenz für Mercedes, BMW, VW und Co in Europa werden? Die DW hat sich bei Experten umgehört.

"Ich glaube nicht, dass auch nur ein einziger der chinesischen Hersteller wirklich mit den europäischen, japanischen und koreanischen Herstellern in Europa auf Augenhöhe konkurrieren kann", sagt etwa Jochen Siebert, Gründer der auf den chinesischen Automarkt spezialisierten Beraterfirma JSC Automotive mit Sitz in Shanghai und Stuttgart.

Die Stärken der chinesischen Hersteller liegen für Siebert am ehesten "in mancherlei elektronischer Spielerei", wie er es nennt. Beispiele seien Karaoke-Funktionen für die Mitfahrer oder Augmented Reality-Gadgets. Das bringe in China sicher Kunden, aber die deutschen Käufer im höherem Preissegment seien doch etwas konservativer und schreckten vor zu viel Elektronik eher zurück.

"Nicht auf Augenhöhe"

Hinzu kämen handfeste grundsätzliche Probleme. Im Grunde hätten alle chinesischen Hersteller bis heute nicht gelernt auf eigenen Füßen zu stehen. Ohne die ständige Unterstützung des Staates auf lokaler und Landesebene würden die meisten, wenn nicht gar alle heute nicht bestehen. "Wohl wissend, dass dem chinesischen Staat langsam das Geld ausgeht für noch mehr Subventionen, eilen alle chinesischen Hersteller ins Ausland und suchen dort ihr Glück", so Siebert.

Auch Gregor Sebastian, Autoanalyst beim Mercator Institut für China-Studien (MERICS) in Berlin glaubt, dass die staatliche Unterstützung - unter anderem Marktzugangsbeschränkungen für ausländische Konkurrenten oder Subventionen - für chinesische E-Auto Hersteller maßgeblich zu deren bisherigem Erfolg beigetragen habe.

Fahrzeuge stehen auf dem Parkplatz eines E-Auto-Händlers in Yichang, China
Elektroauto-Handel in Yichang, ChinaBild: Costfoto/picture alliance

Wettbewerbsverzerrende Subventionen in China

Diese Unterstützung könnte sich in Europa bald aber zu einer ernsthaften Schwäche für chinesische Hersteller entwickeln. Die EU habe sich kritischen Umgang mit chinesischen Marktverzerrungen und Protektionismus auf die Fahne geschrieben. "Neue Regeln über wettbewerbsverfälschende Subventionen aus Drittstaaten", sagt Sebastian, "könnten sich für chinesische E-Auto Hersteller zu einem ernsthaften Problem entwickeln." Hinzu kämen der ungleiche Marktzugang in China und Europa sowie zunehmende geopolitische Differenzen.

"Sicherlich haben die chinesischen Hersteller eine Chance", betont dagegen der auf den Elektroauto-Markt spezialisierte Unternehmensberater Matthias Schmidt aus Berlin. "Nach dem Erfolg von Tesla wäre man ein Idiot, sie abzuschreiben." Tesla hätte es geschafft, in den Markt einzutreten, als andere Hersteller die Tür weit offen ließen und nicht bereit waren, verlustbringende E-Fahrzeuge so früh auf den Markt zu bringen, als die CO2-Gesetzgebung noch kaum auf dem Radar war.

Kostenvorteile durch hohe Verkaufszahlen

Durch hohe Produktions- und Verkaufszahlen auf dem Heimatmarkt erreichten chinesische Hersteller Kostenvorteile in der teuren Batterie-Technologie, die allerdings Volumenmarken wie BYD oder SAICs MG bei Expansion ins Ausland eher zugute kommen könnten als Premiummarken wie Nio.

Besucher der Bangkok International Motor Show 2022 schauen sich einen Elektro-SUV der Marke MG an
Elektro-SUV der Marke MG, welche zur chinesischen SAIC Motor Corporation gehörtBild: Vachira Vachira/NurPhoto/picture alliance

Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach analysiert seit Jahren regelmäßig die Innovationsstärke der Elektroauto-Hersteller. "Chinesische Automobilhersteller wie BYD, Nio oder SAIC sind auch auf den europäischen Märkten als Wettbewerber immer ernster zu nehmen", sagt Bratzel. "Sie werden insgesamt immer innovativer und auch aufgrund der Zusammenarbeit mit westlichen Zulieferern stimmt zudem die Qualität."

"Abkapselung von China schadet deutschen Herstellern"

"Die neue Tech- und Zulieferindustrie entsteht in China und aus diesem neuen 'Füllhorn' werden die chinesischen Autobauer schöpfen können", glaubt Ferdinand Dudenhöffer, Chef des CAR - Center Automotive Research in Duisburg. Es gehe also nicht um ein einziges Unternehmen, das besonders interessant wäre wie Tesla, sondern es handele sich um eine sehr breite Bewegung. Und genau das sei der Vorteil von China: Die fast unendliche Geschwindigkeit, in der Innovationen entwickelt und umgesetzt werden. "Lassen Sie mich es so sagen: Tesla ist singulär, aber China ist eine breite Bewegung, die viele Teslas entstehen lässt", so Dudenhöffer.

Der Fachmann warnt ausdrücklich vor einer "Anti-China-Politik", die den deutschen Autobauern viel mehr schaden würde als den Chinesen. "Wir würden deutlich mehr verlieren und eine Abkapslung von China würde die deutsche Autoindustrie an ihren empfindlichsten Stelle trefffen und das ist die Innovationsstärke. Innovationen kommen heute aus China und wer sich davon abkapselt verliert international seine Kunden."