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Chinesische Blogosphäre

4. Dezember 2009

Isaac Mao, einer der chinesischen Internet-Pioniere der allerersten Stunde und Gründer der ersten chinesischen Blogger-Konferenz in Schanghai, beschreibt die Besonderheiten des Bloggens in China.

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Blogexperte Isaac Mao
Blogexperte Isaac MaoBild: cc-Christopher Adams 2.0

Mit seiner vor zwölf Jahren veröffentlichten Übersetzung des Buches "Being Digital" von Nicholas Negroponte hat Hu Yong, Internet-Pionier und Professor der School of Journalism & Communication der Universität Peking viele junge Leute dazu angeregt, das Medium Internet für sich zu entdecken.

Als im Oktober 2002 die Website cnblog.org mit dem programmatischen Artikel "Mehr Blogger anziehen - Es soll in China tausende Blogger geben" an den Start ging, war es noch kaum vorstellbar, dass dieser Wunsch Realität werden würde. Im Jahr 2002 gab es in China weniger als 1000 Blogger, 2003 stieg die Zahl auf 100.000 und 2004 dann auf mehr als 300.000. Im Jahr 2005 waren es dann schon rund eine Million Blogger.

Die erste Chinesische Blogger Konferenz fand dann 2005 in Schanghai unter dem wegweisenden Motto "Everybody is somebody" statt. Seitdem hat sich diese jährliche Konferenz immer mehr zu einem Symbol einer Bewegung von unten entwickelt. Investitionen von Business-Angels für die jungen Start-Ups gaben der Branche wichtige Impulse und ermutigten Neueinsteiger. Nach dem Markteintritt einiger großer Internet-Portale (Sina, Sohu, Netease etc.) haben Blogs den Mythos des Neuen verloren und sind für die breite Masse zugänglich geworden. Heute aktualisieren jeden Tag Millionen Menschen in China ihren Blog.

Massenware Blogs

Mit der wachsenden Popularität von Blogs in der Bevölkerung hat auch ihre Wirkung auf die Gesellschaft zugenommen. Dieses einfache Mittel zur Veröffentlichung bietet den Internetnutzern neue Erkenntnisse über die Möglichkeiten des Internets - auch als Plattform für die freie Meinungsäußerung. Vor 2004 beschränkten sich die Nutzer auf einige wenige Pioniere der Internetkultur. Nachdem dann Autoren von Trivialliteratur wie Muzi Mei anfingen zu bloggen, geriet das Wort "Blog" ins Blickfeld der Öffentlichkeit und wurde zur allgemeinen Bezeichnung für ein Internet-Tagebuch.

In vielen Bereichen etablierten sich Blogger mit einer eigenen Stimme, die Trends setzten. In der IT-Branche zum Beispiel erreichte Keso wegen seiner scharfsichtigen Analysen über Ereignisse in der IT-Branche eine große Lesergruppe. Auch Prominente, wie zum Beispiel die Schauspielerin Xu Jinglei, konnten durch ihr Blog noch mehr Fans gewinnen. Die kurzen Postings in den Blogs von Prominenten ermöglichten den Nutzern, den Star von einer anderen, persönlicheren, Seite kennenzulernen. Deshalb wurde das Sina-Blog von Xu Jinglei sehr schnell zum beliebtesten persönlichen Blog im Internet. Der Journalist Wang Xiaofeng ist einer der ersten Blogger. Seine provozierenden Postings zogen eine große Lesergruppe an, und er gewann mehr Einfluss als er in den traditionellen Medien gehabt hatte.

Raum für Diskussionen

Viele Fans nahmen sich Prominente zum Vorbild und begannen, ihr eigenes Wissen, ihre Meinungen und ihr persönliches Leben im Internet mit anderen zu teilen. Diese Spontaneität im Jahr 2002 bedeutete eine große Veränderung. Vorher konnte man nur in Foren oder auf Portalwebseiten diskutieren. Man konnte nur nach den Regeln der Portalwebseite die Nachrichten von Mainstream-Medien kommentieren.

Heutzutage sind Blogs allmählich selbst zu Nachrichtenquellen geworden. Die Berichterstattung wurde von Citizen Journalists, sogenannte Bürgerjournalisten, bereichert. Seit 2006 haben Blogger wie Zhou Shuguang (chinesisches Jurymitglied BOBs 2008) oder Laohumiao die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wachgerüttelt. Sie berichten als freie Autoren über wichtige Ereignisse im ganzen Land. Obwohl es auch Kritik an der Berichterstattung durch Bürgerjournalisten gibt, und sich diese Gruppe noch in einem Entwicklungsprozess befindet, kann sie dennoch Schwachstellen in der Medienberichterstattung in China aufzeigen.

Neue Medienform - neues Selbstverständnis

Die meisten Chinesen haben noch ein Kollektivbewusstsein in Bezug auf freie Meinungsäußerung - das heißt, viele Einzelpersonen neigen dazu, sich einer Gruppe mit ähnlichen Gedanken anzuschließen. Auch beim Schreiben von Blogs wird das Prinzip "Der Meinung der Mehrheit folgen" in der chinesischen Kultur fortgesetzt. Für den Prozess der Individualisierung sind Blogs aber immer noch ein sehr guter Ausgangspunkt, denn im Vergleich zum kollektiven Bewusstsein der ganzen Gesellschaft trägt das kollektive Bewusstsein der kleineren Gruppe stärker zur Entwicklung und Bedeutung der Vielfalt bei.

Tatsächlich erhält ein Individuum in einer kleinen Gruppe mehr Unterstützung und Schutz; der Individualismus kann sich leichter entfalten. In China ist das ein wichtiger Gesichtspunkt, denn wenn eine Einzelperson vom Überwachungssystem bestraft wird, kann ihre Gruppe sie in gewissem Maße unterstützen. Die wichtigste Funktion des Blogs in China ist es daher, Freunde mit gleichen Interessen zu finden. Durch Blogs anderer ist es leichter, Leute mit gleichen Wünschen oder Ideen zu finden.

Zensur durch die Behörden

Die chinesischen Behörden haben niemals auf die Kontrolle über die veröffentlichte Meinung verzichtet. Anstatt dass die Autoritäten die Bedeutung der individuellen Vielfalt für die Gesellschaft anerkennen, verfeinern sie das Kontrollsystem für Internetunternehmen und die entsprechende Infrastruktur. Außer der berüchtigten "Great Firewall" haben sie mit äußerster Energie zusätzlich in verschiedenen Verwaltungsabteilungen ein System zur Überwachung von Internetunternehmen aufgebaut.

Im Jahr 2006 wurde unter dem Vorwand der Kriminalitätsbekämpfung ein Registrierungssystem geschaffen, das verlangt, dass jede Webseite mit selbständiger Domain sich beim Ministerium für Informationsindustrie registriert. Nur nach der Genehmigung durch das Ministerium wird diese dann freigeschaltet. Sonderlich effektiv ist diese Methode jedoch nicht, da die Internetkriminalität nicht weniger, sondern stattdessen die Redefreiheit stark eingeschränkt wurde.

Weitere Maßnahmen der Behörden fordern die Internetunternehmen zur Selbstzensur auf. Webseiten wie tianya und douban, die sich eigentlich nicht auf Politik spezialisiert haben, werden oft von Usern dafür kritisiert, dass sie sich der Selbstzensur unterwerfen. Bekannte internationale Unternehmen wie Google, Microsoft und Yahoo haben auch ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Internet-Nutzer müssen nun ihrerseits einen Kompromiss finden und stehen damit vor einem schwierigen Dilemma: Einerseits wollen sie die Selbstzensur der Unternehmen nicht unterstützen, andererseits möchten sie auf Dienstleisungen dieser Unternehmen nicht verzichten.

Laut einer Untersuchung der China-Expertin und ehemaligen CNN Korrespondentin Rebecca Mackinnon gibt es in allen chinesischen Blog-Hostern Selbstzensur. Bei einigen werden Schlüsselwörter durch Sternchen ersetzt (wie z.B., "Hu Jintao" durch "Hu **"). Andernfalls werden Blogeinträge mit diesen Schlüsselwörtern gelöscht oder das Blog sogar ganz gesperrt. Die Webseite von Wikipedia in China wurde für eine Dauer von zwei Jahren gesperrt, da sich die Betreiber auf keinen Kompromiss einlassen wollten. Auch Shi Zhao, Chef des chinesischen Angebots von Wikipedia, ist machtlos. Jimmy Wales, Gründer von Wikipedia, macht hingegen deutlich: "Wenn die Chinesen endlich das Kontrollsystem abschaffen, dann werden die User die Bemühungen von Wikipedia zu würdigen wissen. Unternehmen wie Google werden sich die Anerkennung der chinesischen User nicht verdienen." Dennoch sind Kompromisse für Internetunternehmen in China im Moment fast der einzige Weg, um zu überleben und ihre Marktstellung nicht zu verlieren.

Mit Sojasoße und Wollhandkrabben die Zensur umgehen

Kontrolle und das Umgehen der Kontrolle sind inzwischen zu einem spannenden Katz-und-Maus-Spiel geworden. Die kontrollierenden Behörden können auf angeblich legaler Basis das Internet überwachen, Unternehmen unterdrücken und Internetnutzer bedrohen, aber tatsächlich haben sie kein Recht dazu. In dieser Situation haben Webnutzer nur zwei Möglichkeiten: Entweder zensieren sich selbst und beschränken ihr freies Denken oder sie verändern ihre Ausdrucksweise.

Immer mehr Leute haben angefangen, die letztere Methode zu wählen. Sie haben viele neue Wörter geschaffen, um auf diese Weise die Verfolgung durch die Behörden zu vermeiden. Einige Beispiele dafür: "Sojasoße holen" bedeutet, sich nicht um die Ereignisse in der Gesellschaft zu kümmern - oder jedenfalls scheinbar nicht. Mit "Liegestütz" sind unnormale Todesfälle gemeint. Am bekanntesten sind zwei Wörter "Wollhandkrabbe" (Aussprache: he xie, ähnlich wie die chinesische Aussprache von "Harmonie") und "Lama" (Aussprache: cao ni ma, ähnlich wie die chinesische Aussprache des Schimpfwortes "Fick"). Das erste steht für das Kontrollsystem, während mit dem zweiten Begriff die Strategien und Methoden zur Umgehung der Kontrolle beschrieben werden.

Vom Ideenaustausch zu gezielten Aktionen

Die spontane öffentliche Meinungsbekundung im Internet verwandelt sich immer mehr in Aktionen in- und außerhalb des Netzes. Im Juli 2009 beispielsweise hat Bei Feng eine Kampagne initiiert, in der dazu aufgerufen wurde, Postkarten in das Untersuchungsgefängnis zu schicken, in dem der Blogger Guo Baofeng festgesetzt worden war. Diese Initiative führte schließlich dazu, dass Guo Baofeng zwei Wochen nach seiner Verhaftung wieder freigelassen wurde. Viele Anwälte, darunter Liu Xiaoyuan (BOBs-Jurygewinner 2008 in der Kategorie "Best Weblog Chinesisch") veröffentlichen Analysen über rechtliche Angelegenheiten in ihren Blogs und riskieren damit, dass ihre Anwaltsbüros verboten werden.

Vor kurzem wurden Professor Hu Yongs Übersetzung des Buches von Clay Shirky ("Here Comes Everybody") veröffentlicht, die erneut sehr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Im Unterschied zur Veröffentlichung von "Being Digital" hat Hu Yong diesmal sein Buch anstatt durch Werbung in traditionellen Medien auch in sozialen Netzwerken beworben. Dort wurde die Übersetzung enthusiastisch aufgenommen, aber auch Kritik geäußert und Verbesserungen vorgeschlagen, auf die Hu Yong in seinem Blog reagierte. Im Gegensatz zu seiner Veröffentlichung zwölf Jahre zuvor, kann er heute mit seinen Usern in Kontakt treten. Heutzutage ist die Aktivität im Internet ein Dialogprozess, an dem die Öffentlichkeit aktiv partizipieren kann. Das ist vielleicht die Hoffnung für China.

Isaac Mao ist einer der bekanntesten Blogger in China und einer der Organisatoren der Chinesischen Bloggerkonferenz, die 2005 zum ersten Mal in Schanghai statt fand und 2008 in Guangzhou abgehalten wurde. Mao ist Software-Entwickler, Forscher im Bereich Soziales Lernen, Direktor der Social Brain Foundation, im Beirat von Global Voices Online und einigen anderen web 2.0 Businesses. Er hat bei vielen Gelegenheiten in mutiger Weise über die Zensur in China gesprochen und einen offenen Brief an die Gründer von Google geschrieben, um gegen deren Zugeständnisse an die Filtermethoden der chinesischen Regierung zu protestieren.

Autor: Isaac Mao / Xin Shu
Redaktion: Petra Füchsel