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Bypass in den Tropen

Patrick Tippelt, Bangkok18. April 2005

Das Gesundheitssystem in Thailand ist großzügig, doch langfristig zum Bankrott verurteilt. Doch Abhilfe schafft die Regierung nicht. Stattdessen will sie reiche Kranke ins Land locken.

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Patient sein im Bumrungrad-Hospital ist eine luxuriöse Angelegenheit. Man nächtigt in 60 Quadratmeter-großen Deluxe-Suiten, allmorgendlich bringt die lächelnde Krankenschwester das Menü ans Bett, und man wählt zwischen thailändischen und westlichen Delikatessen. Natürlich sind alle Ärzte in den USA ausgebildet, und sobald man sich ein wenig besser fühlt, vergnügt man sich im hauseigenen 5-Sterne-Spa oder in der Mini-Mall, mitsamt McDonald’s und Yoga-Zentrum.

Vorsoge deluxe

Kaum verwunderlich ist es dann, dass viele Menschen Lust bekommen auf den OP-Tourismus: Tausende reisen Jahr für Jahr nach Thailand, um in Luxus-Hospitälern mit Tropenklima beste medizinische Behandlungen in Anspruch zu nehmen. Dazu kommen für deutsche Kranke unbekannte Faktoren wie freundliche Ärzte, gepaart mit dem Respekt, den die reichen Kranken hier geboten bekommen. Egal ob Wurzelbehandlungen, Schönheits-OPs oder Magenspiegelungen – die Medizin-Touristen strömen hauptsächlich im Winter nach Thailand, aus Japan und Korea, vor allem aber aus den USA. Der Flug und der Kurzurlaub auf Samui sind quasi umsonst, dank der hiesigen Niedrigpreise und der hohen Qualität der medizinischen Versorgung. Eine Zahnkrone kostet nie mehr als 200 Euro. Einmal Bauchfett absaugen? Für 800 Euro gibt es eine Botox-Behandlung inklusive.

Das Bumrungrad-Hospital, eines der führenden Markennamen des Landes, ist dermaßen erfolgreich mit seinem Luxus-Service, dass es nun expandiert. Schon managt es Krankenhäuser in Rangoon, Dhaka und Manila; gerade baut es in Bangkok eine Ambulanz, und in Dubai errichtet es ein neues Medizin-Zentrum samt Wellness-Bereich und Hotel. Das Imperium macht mit seinem Gesundheitsgeschäft jährlich einen Profit von mehreren Millionen Euro.

Forderung nach Patientenvisa

Andere Bangkoker Privatkliniken sind schon längst auf den gewinnträchtigen Zug aufgesprungen: das Bangkok-Hospital hat sich auf Herzkrankheiten spezialisiert; Samitivej konzentriert sich auf Kinder. Und das Piyavate-Krankenhaus verwandelt sich in Asiens größtes medizinisches Spa und lockt Reiche aus dem Oman und aus China. Schon fordern die ersten Privatkliniken von der Regierung, besondere Patientenvisa einzuführen.

Seit kurzem privatisieren öffentliche Krankenhäuser ihre Angebote: Für Zahlungskräftige stehen Ärzte rund um die Uhr zur Verfügung, einige Krankenhäuser renovieren ihre Zimmer, andere schicken ihr Personal zu Hospitality-Seminaren. Denn auch sie wollen von der immensen Patientenflut, die ins Land strömt, profitieren. Doch auch reiche Thais, die schnell bereit sind, für Qualität und Service mehr zu zahlen, sind begehrt.

Das weltbeste Gesundheitswesen

Thailands staatliche Gesundheitsvorsorge ist zwar eine der groβzügigsten der Welt, aber sie rentiert sich nicht. Die Regierungspartei ist vor fünf Jahren (und auch letzten Februar) vor allem gewählt worden, weil sie ein Gesundheitsvorsorgesystem eingeführt hatte, das jeden Patienten nur 60 Cent pro Krankenhausbesuch kostet. 45 Millionen Thais profitieren davon – die Gesamtbevölkerung minus Beamte. Ob Zahnbehandlung oder Bypass, jeder Thai ist berechtigt zu der Niedrigst-Gebühr, egal wieviel er verdient. Allerdings subventioniert der Staat jeden Kranken mit 60 Euro, und das reicht bei weitem nicht aus für Medikamente und Personalkosten der öffentlichen Spitäler, an die die Subventionen direkt ausgezahlt werden, entsprechend der Zahl der dort registrierter Patienten. Die Folge: Ein Drittel aller Krankenhäuser im Land schulden Pharma-Firmen Geld, Dutzende stehen vor dem Bankrott.

Mag das Vorsorgesystem noch so vorbildlich sein – finanziell wird es den Staat in wenigen Jahren herunterwirtschaften. Doch die Regierung will dies nicht wahrhaben; immerhin ist das System das populistische Zugpferd schlechthin. Anstatt sich auf die Armen des Landes zu konzentrieren, fördert die Regierung den Trend des Medizin-Tourismus, denn sie will Thailand zu Asiens HUB für medizinische Versorgung ausbauen, solange Thailand der Vorreiter ist. Selbst Singapur, sonst Thailand stets einen Schritt voraus, hat den Trend noch nicht erkannt. Hoch leben Initiativen! Hoch leben die Privaten! Hoch lebe die stattliche Kurzsichtigkeit!