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Bosnischer Islam als Vorbild für Muslime in Europa?

22. November 2007

Wie kann man den Islam in Europa integrieren? Dieser Frage gingen Experten aus Religion, Wissenschaft und Politik auf einer Fachtagung in Stuttgart nach. Viele sehen den bosnischen Islam als ein mögliches Vorbild.

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Mittelsmann für den Dialog: Mustafa Ceric, oberster Vertreter der bosnsichen MuslimeBild: AP

Schon seit Jahrhunderten wird in Bosnien-Herzegowina der Islam praktiziert, noch aus den Zeiten der osmanischen Eroberungen. Allerdings in einer gemäßigten Form. Ferner hat man in diesem Land längere Erfahrungen mit dem Leben in einer multireligiösen Gesellschaft, erklärt Thomas Bremer vom Ökumenischen Institut der Universität Münster: "Die Besonderheiten des bosnischen Islam liegen darin, dass es eine lange Erfahrung des Zusammenlebens mit Christen gibt. Die bosnischen Muslime haben viele Jahrhunderte im Osmanischen Reich zusammen mit Katholiken, mit Orthodoxen und auch mit Juden gelebt und haben auch in der jugoslawischen Zeit nach 1918 einen speziellen Ansatz entwickelt, der offen ist für den Dialog mit anderen Religionsgemeinschaften. Sie haben auch ein sehr starkes Bewusstsein gehabt, dass sie einen Islam entwickeln müssen, der zu europäischen Normen und Werten passt."

Europa als Perspektive

Diese Tradition spiegelt sich auch in der heutigen Zeit wieder. Der oberste Vertreter der bosnischen Muslime, Reis-ul-Ulema Mustafa Ceric, betonte erst kürzlich: "Mein Sultan sitzt nicht im Osten, mein Sultan sitzt in Brüssel." Die Botschaft bosnischer Muslime heißt: Wir sind Europäer, sagt Munir Hodzic, Imam der Bosniakischen Gemeinde in Frankfurt am Main: "Wir sind nicht nach Osten orientiert, wie viele denken. Unsere Perspektive ist der Westen. Unsere Zukunft ist der europäische Integrationsprozess, wir wollen ein gleichberechtigter Teil der EU sein. Wir sind ein Teil von Europa. Hier sind wir geboren und niemand kann uns woanders hin verpflanzen." Das ist auch ein wichtiges Argument in der Diskussion darüber, ob der Islam überhaupt in Europa seinen Platz hat, glaubt Lale Akgün, Integrationsbeauftragte der Sozialdemokratischen Fraktion des deutschen Bundestages: "All die Menschen, die sagen, Europa und Islam gehören nicht zusammen, werden schon dadurch ad absurdum geführt, dass mitten in Europa Muslime leben, und zwar völlig unproblematisch mit ihren Nachbarn, miteinander, in der Nachbarschaft", meint Frau Akgün."

Klare Strukturen als Vorteil

Nach den zahlreichen terroristischen Anschlägen im Namen des Islam, auch mitten in Europa, setzte man vielerorts die Muslime pauschal mit Extremisten gleich. Auch um dieser Stimmung entgegenzuwirken, stellt die bosnische Erfahrung des Islam eine attraktive Alternative dar, davon ist Thomas Bremer überzeugt: "Die Phänomene die man als Fundamentalismus oder Islamismus kennt, gab es eigentlich in Bosnien nicht, oder wenn, dann ganz, ganz sporadisch. Bosnischer Islam steht vielmehr für Offenheit und Dialogfähigkeit."

Eine Besonderheit des Islam in Bosnien ist auch seine einheitliche Organisation. An der Spitze dieser Islamischen Gemeinschaft steht der Reis-ul-Ulema als ein gewählter und von allen anerkannter oberster Mufti vor. Ahmet Alibasic, Professor an der Fakultät für Islamwissenschaften in Sarajewo und Direktor des dortigen Instituts für interreligiöse Studien ist überzeugt, dass auch diese Erfahrung für Europa sehr wichtig sein könnte. Als Beispiel nannte er das Konzept der bosnischen Islamischen Gemeinschaft. Sie sei eine Organisation für alle Muslime in einem Land und fungiere als Partner der lokalen Behörden – bleibe jedoch von ihnen unabhängig. Gerade dies verleihe ihr Glaubwürdigkeit.

Dem stimmte Markus Kerber zu, der als Abteilungsleiter in Bundesinnenministerium auch für Interreligiösen Dialog zuständig ist. Zwar sei das bosnische Modell des Islam in einem historischen Kontext entstanden und könne deswegen nicht unverändert auf andere Länder übertragen werden. Aber es biete durchaus interessante Ansätze: "Wir sollten der Frage nachgehen, ob nicht die gelebte Praxis in Bosnien-Herzegowina auch Vorbild sein kann für die in Deutschland, in Frankreich, in Italien und in anderen europäischen Länder lebende Muslime."

Zoran Arbutina, DW-Bosnisch